„Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.“ Johann Wolfgang von Goethe
„Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.“Johann Wolfgang von Goethe 

Die Konstanzer Methode der Dilemma- Diskussion® im Ethikunterricht

Hiermit möchte ich die Konstanzer Methode der Dilemmadiskussion® (KMDD®) nicht nur kurz vorstellen und deren Einbindung in den Ethikunterricht erläutern, sondern besondere Lerneffekte, die mit dieser inklusiven Unterrichtsmethode erzielt werden können, aufzeigen.

 

Die Konstanzer Methode der Dilemmadiskussion® ist eine Unterrichtsmethode, die den gegenwärtigen Bedingungen unserer Gesellschaft Rechnung trägt.
Gesellschaftliche Anforderungen

Volker Pfeifer zeigt  in seinem Buch „Didaktik des Ethikunterrichtes“ u.a. drei wichtige Besonderheiten unserer gegenwärtigen und zukünftigen Gesellschaft auf. Dies sind Bedingungen, denen sich auch der Lernort Schule zunehmender stellen muss, will er optimale Lernbedingungen für alle Schüler und Schülerinnen kreieren. 

Unsere Gesellschaft ist erstens eine pluralistische Gesellschaft, die sich zweitens durch zunehmende Individualität auszeichnet. Insbesondere Jugendliche müssen schon frühzeitig selbständig Entscheidungen treffen, ohne zu wissen, ob diese Entscheidungen tatsächlich die richtigen sind. Erschwert wird diese Beurteilung zu treffender Entscheidungen durch die vorhandene Wertevielfalt und einer zunehmenden Digitalisierung der Kommunikation. Viele Schüler bevorzugen immer mehr soziale Netzwerke wie Whatsapp und Facebook. Reale Kommunikation wird zunehmend durch virtuelle Kommunikation verdrängt. Schüler, befragt zu Werten und Normen innerhalb sozialer Medien, äußerten sich wie folgt: „Bei Facebook gibt es keine Werte, Normen lege ich selbst fest. Ich bin dort mein eigener Herr.“ „Ich muss mich muss bei Facebook an keine Normen halten, denn der andere kann sich nicht verteidigen- es gibt keine echte Auseinandersetzung.“ „Wenn ich jemanden negativ poste, also beleidige sage ich doch nur meine Meinung- das ist doch Meinungsfreiheit.“ Die ältere Generation äußert ihre Probleme mit diesem veränderten Sozialverhalten der Jugendlichen so: „Die Jugend schiebt nur noch im Handy herum, spricht man sie an, gilt das bereits als Ruhestörung.“ „Statt sich zu umarmen, sitzen verliebte Teenes zwar, wie wir damals, im Park auf einer gemeinsamen Bank, doch jeder ist nur in seinem Handy, nicht beim anderen. Ein Lehrer aus Großbritannien stellte seinen Schülern in diesem Zusammenhang eine außerordentlich interessante Frage: „What is the difference between love and Facebook? Do you know it?“ Ein Schüler verstand, was er wollte und antwortete prompt: „Facebook is forever. Sicherlich ringt uns die eine oder andere Aussage ein Schmunzeln ab, doch die Situation ist ernster als es auf den ersten Blick scheint.

Vielfalt in unseren Schulen

Die Integrationsarbeit an unserem Schulzentrum zeigt, dass immer mehr Schüler*innen  Besonderheiten und Nachteile aufweisen, die ausgeglichen werden müssen (UN- Behindertenrechtskonvention).

Das Recht auf gleiche Bildungschancen (Allgemeine Erklärung der Menschenrechte Art. 26, Grundgesetz Art. 3, Landesverfassung Sachsen Art. 102 (1)) bedeutet, dass individuelle Besonderheiten von Schüler*innen berücksichtigt und benachteiligte Schüler*innen gefördert werden. Zunehmend weisen Jugendliche Probleme in ihrer emotionalen und  sozialen Entwicklung, haben enorme Lernschwierigkeiten. Weniger häufig, so meine Erfahrung sind Benachteiligungen in der körperliche- motorischen Entwicklung, sprachliche und geistige Besonderheiten, Probleme mit dem Sehen oder Hören,

Ein kleiner Blick in unsere Integrationsarbeit zeigt, Nachteile werden ausgeglichen, in dem Förderpläne erstellt, Ziele vereinbart und angestrebt, ein individueller Nachteilsausgleich bis zur Prüfung trainiert und Entwicklungen in Entwicklungsberichten festgehalten und damit sichtbar gemacht werden.

Angemessene Förderung von Schülern mit Nachteilen, für die es keine angemessene gesetzliche Grundlage gibt, liegt immer noch im Ermessen der Lehrer und Lehrinnen. Es ist noch ein weiter Weg bis zur Inklusion. Inklusion bedeutet aber, Lernbedingungen zu schaffen, die die besten Bedingungen für den am meisten benachteiligen Schüler sind, denn in solchen Einrichtungen könnten sich alle entwickeln.

Wir sollten das Pferd von hinten aufzäumen: nicht künstliche Bedingungen für einzelne benachteiligte Schüler schaffen, um angepasst zu werden, sondern optimale Bedingungen für alle kreieren, so, dass gar keiner erst benachteiligt ist. Unterschiedlichkeit sollte die Norm sein, nicht Gleichheit.

Eine Aufgabe des Ethikunterrichtes 

Dabei kommt dem Ethikunterricht eine besondere Bedeutung zu. Der Ethikunterricht (aber auch andere Fächer und Lernfelder) besitzt, meiner Meinung nach, von Haus aus ein großes Argumentier- und Diskurspotential, welches leider noch viel zu wenig genutzt wird. Es fehlen Möglichkeiten, sich wirklich frei mit eigenen und anderen Argumenten ganzheitlich (kognitiv und emotional) auseinanderzusetzen. Es fehlen Möglichkeiten echte Dissense auszuhalten, wirkliche, gelebte Toleranz zu erfahren und zu leben. Sehr oft fehlen elementarste Verbindlichkeiten, um Konflikte aushalten und human damit umgehen zu können. Es fehlt insgesamt die Möglichkeit des Erwerbs von kritisch- differenzierter Urteilskraft (V. Pfeifer).

Natürlich gibt es eine Reihe von Argumentations- und Diskursmethoden im Unterrichtsfach Ethik (Debatte, Disputation, Thesendiskussion, World Café, Sokratisches Gespräch, Dilemmadiskussion in vier Schritten, Ethisches Argumentieren anhand von Fallanalysen … Diese sind zwar gute Impulse für einen Gedankenaustausch, aber allen diesen Methoden ist gemein, oft unklar bleibt, ob das Gesagte etwas mit der persönlichen Einstellung zu tun hat, oder ob eine Gruppenmeinung vertreten wird. Selbständig Nachdenken und kritisches Hinterfragen wird zu wenig gefördert. Pauschalurteile werden kaum kritisch hinterfragt. Niemand muss für seine Meinung Verantwortung übernehmen und das, obwohl Schule eine öffentliche Einrichtung ist. Diskussionen über aktuelle Konflikte sind häufig affektgesteuert, behindert Kognition. Ein wirklicher Zugang zu den eigenen moralischen Gefühlen wird unseren Schülern oft nicht ermöglicht, oft spielen eigene Emotionen gar keine oder eine untergeordnete Rolle. Das Sich-Hineinversetzen-in-den-anderen wird maximal durch Apelle verlangt und verhindert so die entsprechende kognitive Leistung des Schülers (intrinsischer Perspektivenwechsel und Einfühlungsvermögen werden nicht ermöglicht) Außerdem wird selten (aber immerhin von jungen Kollegen zunehmend) über eine Diskussion oder andere Argumentations- und Diskursmethoden und das Gesagte reflektiert. Selbst wenn reflektiert und analysiert wird, weiß ich aber als Lehrer immer noch nicht, ob das Besprochene in alltägliches Handeln umgesetzt wird (wird eigentlich der „Hiatus zwischen Urteilen und Handeln“ (V. Pfeifer) geschlossen?),

Es bleibt unklar, ob das Gesagte das moralische Denken und Handeln des einzelnen Schülers bestimmt. Denn Motivation und Volition, Besprochenes in alltägliches Handeln umzusetzen werden gar nicht erst gefördert (Monika Prettenthaler).

Messen kann ich als Lehrer*in zwar das Beherrschen von Strategien und Operationen. Ob sich aber meine Schüler tatsächlich moralisch entwickeln, kann ich nicht wissen. Ob moralische Bildung tatsächlich stattfand oder irgendeinen Effekt hatte bleibt unklar.

Meine Vermutung und mittlerweile weiß ich für mich, dass das nicht nur eine Vermutung ist: In unseren Klassenzimmern, in unseren Schulen findet kaum oder viel zu geringe moralische Bildung statt!!!

Dies ist aber, aus meiner Sicht, eine der wichtigsten Aufgaben von Ethikunterricht im Besonderen und von Schule im Allgemeinen.

Wichtige Kompetenzen, wie die Fähigkeit, in realen Situationen, Probleme so zu lösen und zwar so, dass man mit dieser Entscheidung ein Leben lang zurechtkommt und somit ein gutes Leben führt, werden kaum trainiert. Beispielsweise nützt es nichts, Drogenkonsum autoritär zu verbieten. Unsere Aufgabe sollte es sein, jeden Schüler zu befähigen, genau in der Situation, wenn er einmal Drogen angeboten bekommt, nein sagen zu können. Der Lernort Schule spielt dabei eine besondere Rolle, doch dazu später mehr.

Zunächst zu folgender grundlegenden ethischen Frage: Wie sollte man Entscheidungen treffen und welche Entscheidungen sind gute Entscheidungen- also zunächst noch einmal zu zwei elementaren Fragen der Ethik.

Das Potential der Konstanzer Methode der Dilemmadiskussion®

Die KMDD® greift zunächst die Sokratische Idee, sinnvoll zu streiten und so zu guten Erkenntnissen zu kommen, auf. Entwickelt wurde die KMDD® jedoch auf Grundlage der Methode der Dilemmadiskussion von Moshe Blatt und Lawrence Kohlberg. Die KMDD® basiert außerdem auf kommunikativer Ethik von Apel und Habermas, Osers Diskursmethode und Linds Zwei-Aspekte-Theorie des moralischen Verhaltens und der Moralentwicklung (Lind, 2002). Professor Dr. Georg Lind ist Psychologe und Philosoph und Erfinder dieser sehr praktikablen und wirkungsvollen Methode.

Die Lindsche Form der Dilemmadiskussion ist eine Diskussion in zehn Schritten, die genau eingehalten werden müssen. Betrachtet man diese Vorgehensweise aus Sicht der Lehrer wird sehr deutlich, worin die Vorteile dieser Methode liegen.

Die Rolle der Lehrperson

Erstens: Die Lehrperson ist zunächst der Leiter der Sitzung. Er bzw. sie eröffnet die Sitzung mit der Präsentation einer Dilemmageschichte. Es handelt sich hierbei immer um eine semireale, also hypothetische Geschichte, die dem Anspruch genügen muss, edukativ, also lernfördernd zu sein. Sie enthält ein moralisches Problem, bei dem der Protagonist (eine fiktive Person) zwischen zwei Handlungen wählen muss. Beide Handlungsalternativen verstoßen aber gegen die moralischen Prinzipien dieses Hauptakteurs. Weil dem so ist, werden zunächst wie bei jedem realen Dilemma beim Zuhörer Neugier und Spannung ausgelöst Die Semirealität der Geschichte verhindert jedoch lernhemmenden Emotionen wie Angst, Hass, Neid, Wut usw. Somit ermöglich der Leiter der Sitzung den Teilnehmern einen freien Zugang zu deren subjektiven moralischen Gefühlen. Er eröffnet die Möglichkeit, an diesen Gefühlen zu arbeiten. Der Lehrer löst also moralische Emotionen bei den Teilnehmern aus und dies mehrfach und wohldosiert. (Da diese Geschichten bei unprofessionellem Einsatz starke Emotionen und Störungen bei Teilnehmern auslösen können, sollten sie KMDD®- Sitzungen immer von einer entsprechend ausgebildet Lehrperson, einem KMDD®- Lehrer oder einem KMDD®- Trainee, begleiten lassen.) Nur wenn ein Zugang zu den eigenen moralischen Gefühlen erreicht wurde, entsteht ein Interesse am Nachdenken und an einer Diskussion über das präsentierte Dilemma. Ist der Leiter der Sitzung ein gut ausgebildeter KMDD®- Lehrer hält dieser Effekt 90 Minutenan: ohne Anstrengung des Lehrers und Zurechtweisen der Schüler*innen. Das Lernklima bleibt dabei konstant und in einem optimalen Bereich. Als wichtigstes Mittel dafür steht der Lehrperson der genau dosierte Wechsel zwischen den Phasen der Unterstützung und Herausforderung zur Verfügung. Durch diese Vorgehensweise wird niemand emotional überfordert, wie das sehr häufig bei realen Dilemmas und „wilden“ Diskussionen der Fall sein kann. Der Verstand ist auf das Gefühl angewiesen (Immanuel Kant) aber Gefühle können den eigenen Verstand nur befördern, wenn sie ihm den Weg zum Nachdenken ebnen.

Zweitens: Der Lehrer ist desweitern eine Art Moderator. Er fordert die Schüler*innen zum Diskurs heraus und unterstützt sie dabei. Zu diesem Zweck führt er zunächst zwei Regeln ein: die „Ping- Pong- Regel“ (Der aktiv Beitragende bestimmt, wer ihm antwortet.) und die Regel „Achtung der Person“ (Niemand darf gewertet werden, weder positiv noch negativ.). Die Aufgabe des Lehrers ist es, nur nonverbal bei Regelverstoß einzuwirken. Ansonsten läuft die halbstündige Debatte selbstgesteuert und selbstreguliert.

Drittens: Der Leiter der Sitzung ist aber auch ein Trainer. Seine wichtigste Aufgabe besteht darin, die Teilnehmer zu befähigen, durch gezieltes und freies Argumentieren, effektiv und nachhaltig an der eigenen Moralkompetenz (moralische Urteils- und Diskursfähigkeit) zu arbeiten und sie regelmäßig zu trainieren.

Moralkompetenz als grundlegende soziale Kompetenz

Moralkompetenz ist dabei „...die Fähigkeit, Konflikte auf der Grundlage von universellen moralischen Prinzipien (Gerechtigkeit, Zusammenarbeit, Respekt...) durch Denken und Diskussion zu lösen, statt durch Gewalt, Betrug und Macht.“ (Lind 2008, Lind 2011)

 

© Martina Reinicke (2018)
Simon Ettekoven aus den Niederlanden stellte auf der 
5. ZINT-Tagung (19.-21-10.2017) in Görlitz 
das kooperative Lernen in inklusiven Gruppen vor.
kooperatives Lernen2.pdf
PDF-Dokument [157.7 KB]

Bitte haben Sie etwas Geduld.

Prezi wird geladen.

 

 

 

 

Click at the bottom of prezi.

Morality

Chemnitz

Teaching

 

Symposium 

from 11th to 13th October in Chemnitz

 

 

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Martina Reinicke