„Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.“ Johann Wolfgang von Goethe
„Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.“Johann Wolfgang von Goethe 

Oktober 2018

Der Kulturhistoriker Philipp Blom hielt die folgende Rede anlässlich der Eröffnung der diesjährigen Salzburger Festspiele. Hier einige Auszüge...

Philipp Blom
Sind wir noch die Kinder der Aufklärung?

Wir sind alle Kinder der Aufklärung
... Die Aufklärung ist der Versuch, das kritische Denken und den Respekt vor Fakten höher zu achten als Meinungen, Vorurteile, Gefühle, Traditionen oder Dogmen. Dieses Prinzip ist plötzlich in die Defensive geraten: In den Zeiten von Fake-News, in denen Faktenwissen von Filterblasen abgewehrt wird, ein amerikanischer Präsident sich selbst als Lügner täglich überbietet und in denen auch hierzulande "stichhaltige Gerüchte" bemüht werden, um die alte Mär von der jüdischen Weltverschwörung wieder wach zu kitzeln, muss man diesen Punkt nicht weiter ausführen. Auch die universellen Menschenrechte sind längst zu einer rhetorischen Beschwichtigung zusammengeschnurrt....

Christoph Ransmayr, kürzlich aus Ruanda zurückgekehrt, formuliert diesen Zusammenhang so: "Ohne die hier geschürften Erze und Seltenen Erden, ohne die Gold- und Silber- und Diamantenminen und unzähligen anderen Bodenschätze, ohne die hier eingebrachten Ernten, ohne die Arbeitskraft von Abermillionen Sklaven und Billigstlohnarbeitern wäre Europa wohl bis zum heutigen Tag noch längst nicht jenes Paradies, als das es in jenen Flüchtlingsströmen ersehnt und bewundert wird"...

Die Demontage der Aufklärung reicht weit über Europa hinaus                                  
Auf dem ganzen Globus entstehen autokratische Staaten, werden längst überwunden geglaubte autoritäre Strukturen und nationalistische Identitäten zum Programm oder zur Praxis, verlieren Wahrheit und Wissenschaft an Verbindlichkeit, greift freiwillige Verdummung um sich.
Vielleicht ist das einfach eine Reaktion auf die grundlegenden Veränderungen der Gesellschaft innerhalb von gerade einmal drei Generationen. Nach dem Fortschritt kommt der Rückschritt.... Vielleicht ist dies der Anfang vom Ende der aufklärerischen Gesellschaften. Nach uns der ethnische Pluralismus.

Dieses Paradies ist bedroht                     
...Die globale Wirtschaftsordnung ist zu einer bitteren Parodie der aufgeklärten Gedanken mutiert, auf die sie sich beruft. Sie ersetzt die Rationalität durch die Rationalisierung, den Universalismus durch den globalen Markt, die Freiheit des Menschen durch die Wahl der Konsumenten zwischen Produkten und die Gleichheit durch statistische Normierung. Bürgerrechte werden zu Garantieleistungen, denn in dieser Welt braucht man keinen Pass, sondern eine Kreditkarte... .

Zur Veränderung kommt die Verlogenheit. Politiker und Ökonominnen sprechen von Wirtschaftswachstum, von Innovation und Produktivität, von Vollbeschäftigung und Wohlstand, aber gleichzeitig verdienen immer weniger Menschen immer mehr, während immer mehr Menschen begreifen, dass es für sie keine bessere Zukunft gibt, dass sie zwar für das System funktionieren müssen, das System aber nicht für sie ... .  immer mehr Menschen [ziehen sich] zurück – aus der Demokratie, aus der Verantwortung, aus dem ganzen Getue mit Freiheit, Gleichheit und Solidarität. Es ist der Rückzug vom globalen Markt in die Festung Europa. ... So verschiebt sich das Meinungsklima.

Wir sind alle Kinder der Aufklärung             
... Vielleicht ist es an der Zeit, endlich erwachsen zu werden. Erwachsenwerden heißt immer, sich den eigenen Ängsten zu stellen. Angesichts der Politik von Angst und Hass, die sich auch in Europa immer weiter ausbreitet, ist es an der Zeit, zu begreifen, dass neben der Erderwärmung heute noch ein weiterer Klimawandel stattfindet, ein Wandel derjenigen zivilisierten und oft ungeschriebenen Regeln und Haltungen, durch die Demokratie erst möglich wird.

Eine liberale Demokratie ist eine sehr junge und fragile Regierungsform, ein historisches Experiment mit offenem Ausgang. … Sie ist kein Naturzustand, sondern läuft immer Gefahr, selbst zur Kulisse zu verkommen, zum Legitimisierungstheater für Autokraten. Demokratie kann die Voraussetzungen, die sie braucht, um zu bestehen, nicht selbst schaffen. Sie ist nicht nur auf starke Institutionen [wie beispielsweise Schulen- M.R.] angewiesen, sondern auch auf weniger klar definierbare Voraussetzungen: auf ein gewisses Grundverständnis, auf eine Art von Anständigkeit, Selbstkontrolle, Respekt im Umgang mit anderen, Respekt vor Fakten. [und natürlich Moralkompetenz- M.R.] Wenn diese Voraussetzungen unterminiert werden, gerät die Demokratie aus dem Gleichgewicht und wird irgendwann zusammenbrechen.

Ist also die Aufklärung überholt?                    ... Aufklärung ist riskantes Denken. Wir, die Erben, wollen dieses Risiko nicht mehr eingehen…. Um das, was kommt, nicht zu erleiden, sondern zu gestalten, bedarf es nicht nur neuer Technologien und Effizienzsteigerungen, keiner hohen Mauern und keiner Abschreckung, sondern einer Transformation des westlichen Lebensmodells, denn erst wenn Menschen wieder einen realistischen Grund zur Hoffnung haben, wird die Angst verschwinden. Dafür brauchen wir den Mut, wieder etwas zu riskieren beim Nachdenken über die Welt und über die eigene Position in ihr....

Wir leben nicht aus Vernunft allein; wir verdanken unser Leben buchstäblich dem Begehren, dem Eros, der uns täglich antreibt weiterzumachen, der uns den Mut gibt, Rückschläge zu überwinden, neue Möglichkeiten zu suchen, mit anderen zu kommunizieren. ... Aber Sinnlichkeit ist kein Wettbewerb rationaler Individuen. Begehren und Empathie brauchen, suchen Kommunikation und Berührung, schaffen Auseinandersetzung und Solidarität. Ich bin Mensch, weil ich begehre, weil ich mit anderen Menschen mitempfinde; und ich kann nur dann gut leben, wenn auch andere es tun. Und plötzlich entsteht aus dem Begehren eine Ethik.

Das aufgeklärte Denken beginnt, zu unserer Leidenschaftlichkeit zu sprechen – und sogar zu unserer Angst. Was wäre, wenn eine neue, dringend gebrauchte Aufklärung mit einer Rehabilitierung der Leidenschaft beginnen würde? Was wäre, wenn wir uns selbst als leidenschaftliche Wesen begreifen würden? Was wäre, wenn wir lernen würden, uns als aufgeklärte Menschen im Licht der Wissenschaft als Homo sapiens zu verstehen, als eine Art, die 98 Prozent ihres Erbguts mit Schimpansen teilt und deren besondere Begabung – eine Art symbolisch abstrahierende Schlauheit – sie innerhalb von wenigen Jahrtausenden unerwartet erfolgreich und zahlreich gemacht hat? ... Wir würden sehen, dass wir nicht die Krone der Schöpfung sind, dass die Erde uns nicht untertan ist, sondern dass wir ein winziger Teil eines komplexen Systems sind, das übrigens auch ohne uns weiter bestehen wird. Homo sapiens würde dann lernen, sich selbst als hochinteressanten, aber problematischen Primaten zu begreifen, der nicht immer die Klugheit hat, seine Leidenschaft oder seine Intelligenz sinnvoll einzusetzen, und den es trotz oder wegen aller technologischen Errungenschaften mehr denn je nach Zugehörigkeit, Stabilität und Sinn verlangt.

Da aber die Stabilität der westlichen Gesellschaften auf ständigem wirtschaftlichen Wachstum beruht, sind sie gezwungen, unentwegt ihren künstlichen Heißhunger zu befriedigen. Dieser Heißhunger lässt sich nur auf Kosten anderer stillen – und viele von diesen anderen haben das begriffen und wollen lieber beim großen Fressen dabei sein als beim großen Verhungern. Auch so entsteht globale Migration. ...
Einer unserer wichtigsten kulturellen Partnerorganismen ist Hefe, die es Menschen seit Jahrtausenden ermöglicht, Dinge wie Brot, Bier und Wein zu produzieren. Hefe ist ein einzelliger Pilz, der sich explosiv vermehrt, indem er Zucker frisst, immer weiter, unersättlich, bis alle Ressourcen aufgebraucht sind und er an seinen eigenen Ausscheidungen erstickt und verhungert. Auf individuellem Niveau haben Hefepilze zwar keinen Mozart und keinen Shakespeare hervorgebracht; kollektiv aber scheinen Menschen über Jahrmillionen der Evolution wenig mehr gelernt zu haben als die Hefe. 

Wir fressen uns dem eigenen Ersticken entgegen. Aber anders als Hefepilze kann Homo sapiens sein Verhalten durch Verständnis, Fantasie und Empathie ändern-und so vielleicht eine Zukunft möglich machen, in der die Ökonomie als Teil der Ökologie begriffen wird und Menschen als Primaten, die dazu neigen, sich selbst hoffnungslos zu überschätzen. Das wäre riskant für unseren Wohlstand und den Status quo. Das wäre aufklärerisch.

Wer heute vierzehn ist, erbt eine Welt mit immensen Risiken. Wer aber bereit ist, die Dynamik des aufgeklärten Denkens gegen die Dogmen der Gegenwart zu kehren, wer bereit ist, selbst zu denken und riskant zu denken, kann Teil einer Zukunft werden, in der es sich zu leben lohnt; nicht als Kind oder als Erbe, sondern als Teil der Natur, als empathischer Primat – und aus Leidenschaft für ein gutes Leben.


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Quellen: 
Wir sind alle Kinder der Aufklärung
Philipp Blom: Rede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele 2018
Blom_Salzburg.pdf
PDF-Dokument [6.6 MB]
Was ist Aufklärung?
Kurzfassung des gleichnamigen Aufsatzes von Immanuel Kant
Immanuel_Kant_Was_ist_Aufklaerung.pdf
PDF-Dokument [202.0 KB]
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© Martina Reinicke