„Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.“ Johann Wolfgang von Goethe
„Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.“Johann Wolfgang von Goethe 

Mai 2018

Ein

unmoralisches Angebot

Wie hätten Sie gehandelt und vor allem warum?

Ein Theaterstück wird aufgeführt: am 20.04., Titel des Stückes: „Mein Kampf“[1]. Es gibt freien Eintritt, wenn man eine Armbinde mit Hakenkreuz trägt. „Get In Free if You’ll Wear a Swastika“[2]. Wer bezahlt, solidarisiert sich mit den Schoah-Opfern und erhält einen Davidstern.
Geplant war dieses Experiment in Konstanz am 20.04.2018. Ziel des Experimentes sollte sein, potentielle Nazis zu entlarven und auf die Aktualität der Thematik aufmerksam zu machen.

Zum Inhalt des Stückes

„In einem Männerwohnheim in der Wiener "Blutgasse" trifft der junge Künstler Adolf Hitler auf den jüdischen Buchhändler Schlomo Herzl. Dieser beginnt sich, um den Provinzler aus Braunau am Inn mütterlich rührend zu kümmern. Schlomo tröstet Hitler, weil er die Aufnahmeprüfung an der Kunstakademie nicht besteht; er versucht ihm Manieren beizubringen; er räumt ihm hinterher; bietet Hitler sogar seinen warmen Wintermantel für die kalten Nächte an. Auch den markanten Scheitel und das sogenannte Hitlerbärtchen frisiert ihm Herzl. Doch hinter all der Fürsorge und Liebe vermutet Hitler eine weltweite Verschwörung der Ahnen Zions.“[3]

 


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Wie hätten Sie gehandelt und vor allem warum?

Egal. Tatsache wäre gewesen, sie hätten stumm neben ihrem vermeintlichen Meinungsgegner gesessen, das Theaterstück angeschaut und nichts anderes als Klischees bedient. Was hätte das gebracht? Nichts! Vielleicht wären Sie aber auch so einfallsreich gewesen, wie einige Konstanzer: im Publikum saß eine ganze Reihe mit selbstgebastelten Schildern: „Freischwimmer“, andere trugen Schilder mit den Aufschriften „Ich habe meine Karte bezahlt“ oder auch „Nix da“. Möglicherweise hätten Sie dieses Theaterstück gar nicht besucht.

Bleibt trotzdem die Frage, welchen Sinn hatte dieses oben beschriebene Eintrittskartenexperiment?

Um das herauszufinden, schlage ich vor, bei Sokrates Rat zu holen:

Eines Tages kam einer zu Sokrates und war voller Aufregung. "He, Sokrates, hast du das gehört, was dein Freund getan hat? Das muss ich dir gleich erzählen." "Moment mal", unterbrach ihn der Weise. "hast du das, was du mir sagen willst, durch die drei Siebe gesiebt?" "Drei Siebe?" fragte der Andere voller Verwunderung. "Ja, mein Lieber, drei Siebe. Lass sehen, ob das, was du mir zu sagen hast, durch die drei Siebe hindurchgeht. Das erste Sieb ist die Wahrheit. Hast du alles, was du mir erzählen willst, geprüft, ob es wahr ist?" "Nein, ich hörte es irgendwo und . . ." "So, so! Aber sicher hast du es mit dem zweiten Sieb geprüft. Es ist das Sieb der Güte. Ist das, was du mir erzählen willst - wenn es schon nicht als wahr erwiesen ist -, so doch wenigstens gut?" Zögernd sagte der andere: "Nein, das nicht, im Gegenteil . . ." "Aha!" unterbrach Sokrates. "So lass uns auch das dritte Sieb noch anwenden und lass uns fragen, ob es notwendig ist, mir das zu erzählen, was dich erregt?" "Notwendig nun gerade nicht . . ." "Also", lächelte der Weise, "wenn das, was du mir das erzählen willst, weder erwiesenermaßen wahr, noch gut, noch notwendig ist, so lass es begraben sein und belaste dich und mich nicht damit!"

Um mit Sokrates zu sprechen: Das Experiment und seine Ergebnisse hätten weder der Wahrheit entsprochen, noch wären sie gut, noch notwendig gewesen. Dieses Experiment war, meiner Meinung nach, schlichtweg überflüssig.

So sahen es dann wohl auch die Veranstalter des Stadttheaters Konstanz. Denn, ganz gleich warum: 
Tatsache ist- dieses Experiment kam nicht zustande.

Dennoch hat Regisseur Serdar Somuncu recht: einige Menschen haben heute immer noch ein antisemitisches Problem mit unseren jüdischen Mitbürgern. Dafür gibt es aber, meiner Meinung nach, keinen einzigen Grund.

It would be a better idea if you let yourself
be enchanted by musical spirit of Israel
[also remixed by the German DJ Wankelmut]!


 

 

[1] "Mein Kampf" ist eine Groteske von George Tabori. Tabori wurde 1914 in Budapest  als Sohn jüdischer Eltern geboren und lebte als Immigrant in verschiedenen Staaten, bevor er Ende der 1960er Jahre nach Europa zurückkehrte. Hier wurde er einer der wichtigsten Theatermacher, der schreibend, spielend und inszenierend Rassismus und Massenmord mit schwarzem Humor und absurder Komik thematisierte. 2007 starb Tabori in Berlin.

Morality

Chemnitz

Teaching

 

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from 11th to 13th October in Chemnitz

 

 

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© Martina Reinicke