„Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.“ Johann Wolfgang von Goethe
„Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.“Johann Wolfgang von Goethe 

März 2018

 

Widersprüche Teil 2

Eine kritische Auseinandersetzung mit Befürwortern eines Inklusionsmoratoriums

 

Widerspruch №1

 

"Was wir jetzt brauchen, ist ein Moratorium bei der Inklusion"

 

Warum? 

Unsere Verpflichtung gegenüber z.B. unseren Kindern lautet:

“States Parties to the present Convention recognize the equal right of all persons with disabilities to live in the community, with choices equal to others, and shall take effective and appropriate measures to facilitate full enjoyment by persons with disabilities of this right and their full inclusion ...”

[Die Vertragsstaaten dieses Übereinkommens anerkennen das gleiche Recht aller Menschen mit Behinderungen, mit gleichen Wahlmöglichkeiten wie andere Menschen in der Gemeinschaft zu leben, und treffen wirksame und geeignete Maßnahmen, um Menschen mit Behinderungen den vollen Genuss dieses Rechts und ihre volle Einbeziehung in die Gemeinschaft und Teilhabe an der Gemeinschaft zu erleichtern...“]

 

 

siehe auch

Rezension zu Brigitte Schumanns

"Streitschrift Inklusion"

Brigitte Schumanns „Streitschrift Inklusion“ mit dem Untertitel „Was Sonderpädagogik und Bildungspolitik verschweigen“ ist eine wichtige Schrift zur hoffentlich noch richtigen Zeit.

Die Bildungsjournalistin, ehemalige Lehrerin und Politikerin streitet fachlich fundiert, unerbittlich und klärt auf: über unser Problem mit der Inklusion, warum und wie wir selbst Inklusion zum Problem machen und wie wir es dennoch lösen könnten.

Strittig, ob dieses Problem tatsächlich erst seit dem Faschismus unser Problem ist- unstrittig: wir haben ein Separierungsproblem, welches bildungspolitisch nie richtig aufgearbeitet wurde.

Strittig, ob das Problem namens Inklusion in erster Linie politisch zu lösen ist, unumstritten ist die Tatsache, dass sich unser Bildungssystem radikal verändern muss.

Strittig, ob gemeinsames Lernen von Behinderten und Nichtbehinderten allen gefällt, unstrittig: es ist erfolgreich möglich.

Ein spannendes Buch, dass unumstritten zum Nachdenken und zu konstruktivem Streit anregt.

© Martina Reinicke (Februar 2018)

 

 

Widerspruch №2

 

„Die grundlegenden Einstellungen der Lehrer zum Konzept der Inklusion haben sich im Vergleich zu 2015 so gut wie nicht verändert: 54 Prozent der Lehrer halten eine gemeinsame Unterrichtung von allen Kindern mit und ohne Behinderung in Regelschulen grundsätzlich für sinnvoll, 42 Prozent nicht.“ 

 

Erstens:

Meiner Meinung nach wurde zu Erfahrungen und nicht zu  Einstellungen befragt. Hätten die meisten Lehrer positive Erfahrungen mit inklusiver Unterrichtung, entspräche dies der tatsächlichen Einstellung der meisten Lehrer. (siehe auch Pro- und Contra- Argumente in selbigem Dokument)

 

Zweitens:

Solche Umfragen sind „eine Momentaufnahme und erlauben daher keine Aussagen über die Ursachen von (vermeintlichen) Defiziten unserer Schulen“

[Georg Lind 2003] 

 

 

Widerspruch №3

"Lehrer, an deren Schule es bereits inklusive Lerngruppen gibt, halten zwar häufiger als die befragten Lehrer insgesamt einen inklusiven Unterricht für sinnvoll, aber auch in dieser Gruppe mit direkter Erfahrung äußert sich eine starke Minderheit von 38 Prozent grundsätzlich ablehnend."

 

Um welches Konzept der Inklusion ging es eigentlich?

Selbst „der wissenschaftliche Diskurs um Integration und Inklusion präsentiert sich bunt und kontrovers; [so Wocken] er gleicht einer babylonischen Sprachverwirrung“ oder anders formuliert: wie valide war die Befragung eigentlich?

Woher weiß das FORSA-Institut, ob nicht lediglich eine Gruppenmeinung (z.B. die des Lehrerkollegiums) wiedergegeben wurde („social desirability effect“)?

Interessant wäre auch zu wissen, wie die Antworten auf offene Fragen interpretiert wurden.

Waren die Ergebnisse dieser Erhebungen (2015 und 2017 tatsächlich unabhängig von vorhandenen Rahmenbedingungen (also war die Befragung objektiv)?

Lagen eigentlich bei beiden Befragung dieselben Rahmenbedingungen vor (also wie sieht es mit der Reliabilität dieser Umfragen aus)?

 

 

Widerspruch №4

 

Die überwältigende Mehrheit der Lehrer (97 %) spricht sich dafür aus, auch bei Einrichtung eines inklusiven Schulsystems die bisherigen Förder- und Sonderschulen zu erhalten.“

„Im Rahmen der [FORSA-] Untersuchung wurden bundesweit insgesamt 2.050 Lehrer an allgemeinbildenden Schulen in Deutschland befragt. 747 der befragten Lehrer unterrichten derzeit selbst in inklusiven Klassen.“

 

In Deutschland gab es aber im Schuljahr 2016/2017 insgesamt 758.651 Lehrer und Lehrerinnen an allgemeinbildenden Schulen.

 

 

Widerspruch №5

 

„Im Mai 2017 ergab eine reprsentative FORSA-Umfrage unter Lehrern in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt, dass nur 49 % der Pädagogen den gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung befürworten.“

Die Untersuchung war von der Lehrergewerkschaft Verband Bildung und Erziehung in Auftrag gegeben worden. Befragt wurden […] Lehrer, 250! davon in Mitteldeutschland.

 

Repräsentativ sieht anders aus.

 

 

Widerspruch №6

 

Die Umsetzung der Inklusion sei mitverantwortlich dafür,

"dass die letzten Grundschul-Leistungsvergleiche enttäuschend ausgefallen sind."

 

Großes Problem:

bei den verwendeten Beispielaufgaben in erwähnten Leistungsvergleichen kann noch viel zu oft geraten werden. Es ist fraglich, ob so die tatsächlichen Kompetenzen der Grundschüler getestet wurden.

Vielleicht liegt es eher an unserem Verständnis von Kompetenz und weniger am Thema Inklusion, dass die Ergebnisse der IGLU- und PISA- Studien so „schlecht“ ausgefallen sind.

 

„Lesen, Rechnen und Naturkenntnisse gehören zweifellos zum Unterrichtskanon unserer Schulen. Aber ob sie für die Bewältigung des Lebens immer notwendig oder gar hinreichend sind, muss ernsthaft bezweifelt werden. Mündige Bürger in einer Demokratie benötigen für ihr Leben heute vor allem Fähigkeiten zum produktiven, kreativen und verantwortungsvollen Umgang mit anderen Menschen und mit der Natur.“ („Die Testteilnehmer müssen keine Experimente vorführen, nicht unter realem Verantwortungsdruck mathematische Probleme lösen und auch nicht mit Kommunikationsproblemen fertig werden.“)

[Georg Lind 2003!]

 

 

Widerspruch №7

 

Aber immerhin:

„Die Erfassung des kollaborativen Problemlösens bei der Erhebung im Jahr 2015 rückt den Aspekt der Zusammenarbeit mehrerer Akteure bei der Lösung eines Problems in den Vordergrund.

 

Aufgrund des Designs von PISA (Schüler/ innen bearbeiten die Testaufgaben individuell am Computer) wird mit dieser innovativen Domäne die Leistung von Einzelpersonen (die individuelle Kompetenz) in einem kollaborativen Problemlösekontext erfasst und nicht die Gesamtleistung aller Akteure in einem Gruppenprozess“

 

 

Widerspruch №8

 

Die „Transparenz der Durchführung, Auswertung und Darstellung [von Tests] ist die wichtigste Voraussetzung dafür, dass unser Bildungssystem von mündigen Bürgern demokratisch gesteuert werden kann und dies nicht wenigen Experten überlassen werden muss.

 

"Die Transparenz von PISA lässt dagegen zu wünschen übrig.“

[Georg Lind 2003!]

Oder verstehen Sie, was mit diesen Werten gemeint ist?

 

 

 

 

© Martina Reinicke (2018)

Morality

Chemnitz

Teaching

 

Symposium 

from 11th to 13th October in Chemnitz

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© Martina Reinicke