„Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.“ Johann Wolfgang von Goethe
„Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.“Johann Wolfgang von Goethe 

Juni 2018

Was wurde eigentlich aus unserer „Flüchtlingskrise?“

Kletterhalle

Chemnitz an einem ganz normalen Wochen-nachmittag. Die Straßen sind proppenvoll, doch der Verkehr rollt zähfließend. Hastig eilen die Menschen in Geschäfte, erledigen ihre Wege, führen ihre Hunde aus, holen ihre Kinder ab oder sitzen und warten auf den nächsten Bus. Auch ich laufe eilig  an unserer Kletterhalle vorbei. Ein Schmunzeln huscht über mein Gesicht: auf dem Sportplatz haben sich Mannschaften bunt gemischt, es scheint: die jungen Spieler kommen aus aller Welt. Berührungsängste? – Fehlanzeige! Aus einem Recorder dröhnt arabisch anmutende Popmusik, junge ausländische Mädchen strahlen selbstbewusst…

Am Auto

Ich habe es eilig. Endlich sehe ich mein Auto und steige ein. Unmöglich, diese roten Ampeln! Jede Chemnitzer Straße scheint verstopft, kein Vorwärtskommen. Die eigene Geduld wird hart auf die Probe gestellt. Als ich zur Seite blicke, muss ich lachen, der Fahrer des anderen Autos auch. Geniale Erfindung! Da hatte jemand ‘ne richtig witzige Idee, um lästigen Ankauf-angeboten vorzubeugen.

Das Sportfest

Endlich. Zum Glück hat das Sportfest am Schulzentrum noch nicht begonnen. Hab’s gerade noch so geschafft. Mir fällt sofort auf: dieses Jahr gibt es wieder eine ausländische Schülermannschaft. Zufällig sitze ich neben der Lehrerin, die bei diesen Jungs unterrichtet. Sie erzählt, dass sie von einem Schüler weiß, dass er zu Hause mit ansehen musste, wie seine Eltern umgebracht wurden. Und sie verstehe überhaupt nicht, warum sich die Deutschen darüber aufregen, dass manche Ausländer "sauteure" Handys haben. "Dafür haben doch manche keine Eltern und kein zu Hause mehr", sagt sie. Die Lehrerin findet die meisten ihrer Schützlinge in Ordnung. "Nur Schade, dass sie nach der Berufsvorbereitung wahrscheinlich weder eine Berufsausbildung und schon gar keine Arbeitsstelle bekommen." Doch von einem Schüler wisse sie, dass ein Betrieb ihn einstellen will, fährt sie fort. Ich tröste sie: "Wer das wirklich will, schafft es auch in einem fremden Land." Integration sei eben schwer. ‚Das mit der ausländischen Sportmannschaft ist schon mal nicht schlecht‘, denke ich. ‚Besser wären zwar gemischte Teams im Sport und in der Schule- doch das geht aus verschiedenen Gründen noch nicht. Wirklich nicht?‘

Freiburg

Das mit der Integration, besser gesagt: die Sache mit der Inklusion interessiert mich schon lange. Man stelle sich vor, deshalb fahre ich sogar nach Freiburg im Breisgau. Ich will wissen, ob es bei den "Wessies" anders d.h. besser läuft. Bildung wird in Freiburg neu gedacht- so das Versprechen. Und tatsächlich auf dem 5. Bundeskongress "inklusion leben" tat sich etwas: die Rede von Professor Brügelmann, war genau das, was ich schon lange über Inklusion denke. Überhaupt waren die aus ganz Deutschland angereisten Teilnehmer so drauf wie ich. Und das Schönste: ich als Sachse hatte keinerlei Probleme, mich zu inkludieren. Oder sollte ich lieber schreiben, inkludiert zu werden? Besonderes Highlight: wir applaudierten zum 200. Geburtstag von Karl-Marx- eine besondere Geste für eine Chemnitzerin wie mich.Und was waren unsere tollen gemeinsamen Erkenntnisse? Inklusion ist ein nicht endender Prozess, jeder kann so sein wie er ist. Prima! Schaut man sich in Freiburg etwas genauer um, kann man aber auch die Folgen solch verkürzter Sicht auf das Thema Inklusion erleben: Im Hotel angekommen, wurde ich als erstes darauf hingewiesen, dass ich den angrenzenden Park möglichst nicht am späten Abend oder nachts aufsuchen soll. Okay. Das hatte ich sowieso nicht vor. Als ich dann doch am nächsten frühen Morgen dort war, traute ich meinen Augen nicht: Müll, Spritzen und sonstiger Abfall. Ein junger afrikanischer Mann mit einer auffällig hohen buntgestreiften Mütze schlendert Arm in Arm mit einer alten Dame als verliebtes Ehepaar durch den Park. Die Dame fühlt sich sichtlich geborgen. Mir geht plötzlich Folgendes durch den Kopf: Was wäre, wenn tatsächlich jeder so sein kann wie er ist. Vielleicht herrscht dann Chaos. Vielleicht gibt es dann Probleme über Probleme. Vielfalt schön und gut. Und was ist mit den gleichen Rechten, die jeder von uns hat. Verständlich, dass manche alles besser geregelt haben wollen- im Kleinen, wie im Großen. Im Kleinen würde es schon viel bringen, wenn wir miteinander reden würden, uns die Wahrheit ehrlich sagen würden, ohne den anderen zu verletzen, ohne Trickserei und Hintertürchen- so eine andere Erkenntnis in unserem Workshop auf dem oben erwähnten Bundeskongress. Und wie sieht die Sache im Großen aus?

Sea-Watch

Zu Hause wieder angekommen, schalte ich als erstes meinen PC an. Sea-Watch schickt mir regelmäßig Newsletter. Ich bin so etwas wie ein Fördermitglied, d.h. ich spende. Warum? Das ist einfach: die Zustände auf dem Mittelmeer haben sich seit der Flüchtlingskrise 2015 nicht geändert. Im Gegenteil- völkerrechtswidrige Vorfälle häufen sich. Der große Unterschied zu 2015: die Medien schweigen, berichten nichts mehr vom Anfangspunkt der Integration…

Syrakos.mp4
MP3-Audiodatei [3.4 MB]

Das kleine Glück

Wer hat noch geschrieben? Booking. Da fällt mir mein letzter Kurztrip ein- nicht schlecht: Thüringen, Werratal, ein kleines verschlafenes Örtchen, in dem nicht viel passiert. Sehr ordentlich sah’s da überall aus- das kleine Glück eben. Am Sonntag, fiel mir auf, trugen alle, die ich morgens auf der Straße traf, die guten Sachen: Männer den Anzug und Frauen Kostüm oder etwas, was dem nahe kam. Ich habe keine Ahnung warum? Vermutlich ging es in die Kirche. Hier, so schien mir, war die Welt noch „in Ordnung“- weit ab vom Mittelmehr und sonstigen Integrationsproblemen…. Oder etwa nicht?

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Martina Reinicke