„Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.“ Johann Wolfgang von Goethe
„Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.“Johann Wolfgang von Goethe 

Juli 2018

Über die Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie*

[oder zum Unterschied zwischen künstlicher und menschlicher Intelligenz- M.R.]

 

Zum 200. Geburtstag von Karl Marx

 

© by Martina Reinicke (2018)

Für Stefano Cochetti **
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Karl Marx´ gleichnamige Dissertation*, die er als 23-jähriger Berliner Student und Junghegelianer 1841 „in absentia“ an der Universität zu Jena einreichte, ist ein anspruchsvoller Text, der „von eben so viel Geist und Scharfsinn als Belesenheit“1 zeugt. 

In absentia?  mehr lesen

 

Aber worum genau geht es eigentlich in der Doktorarbeit von Karl Marx?

 

Marx fasst zunächst die Geschichte der griechischen Philosophie zusammen

Die griechische Philosophie beginnt hinsichtlich der Physik, mit den Naturphilosophen, hinsichtlich der Ethik, mit den sieben Weisen.

Sie endet für viele mit dem Dreigestirn der griechischen Antike: mit Sokrates, Platon und Aristoteles. Doch es entstehen danach, so Marx, noch drei weitere Schulen: der Epikureismus, der Stoizismus und der Skeptizismus. Diese neuen Richtungen knüpfen überraschenderweise wieder an den alten Naturphilosophen und an der sokratischen Schule an und sind „die Urtypen des römischen Geistes.“2

Laut Marx verkörpern Epikureismus, Stoizismus und der Skeptizismus „die vollständige Konstruktion des Selbstbewusstseins“3 [Begriff von Hegel] und sind ausschlaggebend für den Charakter der griechischen Philosophie. Darin bestehe die historische Bedeutsamkeit dieser Schulen.

Aus diesem Grund sei es wichtig, das Verhältnis dieser Richtungen zur früheren und späteren griechischen Spekulation4 zu untersuchen. Dies tut der junge Marx in seiner Doktorarbeit zunächst an einem Beispiel: am Verhältnis der demokritischen und epikureischen Physik.

 

Zum Verhältnis der demokritischen und epikureischen Physik

Für viele Denker, Schriftsteller usw. ist Epikur niemand anderes als der „Plagiarius des Demokrit“5. Dem hält der junge Marx entgegen: Demokrit und Epikur sind zwar beide Atomisten, dennoch „stehen sie sich diametral entgegen“6. Und genau dies versucht er mit seiner Dissertation zu beweisen.

Epikur sei ein Dogmatiker, der die sinnliche Welt, das Wahrgenommene für objektiv hält. Jede Sinneswahrnehmung ist nach Epikur wahr. Er verachtet die Empirie und findet Erfüllung im Denken- in der Philosophie, in der Weisheit. Der Zufall ist für ihn das Grundprinzip.

Demokrit hingegen, einer der größten Wissenschaftler seiner Zeit, sei ein Skeptiker, der das Wahrgenommene für subjektiven Schein hält. Er „sucht, die reale Existenz der Dinge zu erklären und zu fassen.“7 Für ihn ist Notwendigkeit das Grundprinzip, d.h. nichts ist zufällig, alles ist notwendig. Alles unterliegt Gesetzmäßigkeiten.

Schaut man sich, wie Marx, die Auffassungen beider Naturphilosophen zu den Atomen an, werden diese Unterschiede noch deutlicher.

 

Zu den Auffassungen bezüglich der Atome

Beide: Epikur und Demokrit sehen die Welt materialistisch: der leere, unendlich große Raum ist angefüllt mit unendlich vielen Atomen [ἄτομος- das Unteilbare]. Diese kleinsten Teilchen bewegen sich in gerader Linie abwärts, können sich aber auch gegenseitig abstoßen (Repulsion). Sowohl für Demokrit, als auch für Epikur besteht letztendlich alles aus Atomen: auch die Götter, der Geist und die menschliche Seele.

Doch wenn man, wie Marx, noch genauer hinsieht, unterscheiden sich beide Philosophen, trotz dieses Grundkonsenses, erheblich voneinander:

Epikur nimmt an, dass Atome von ihrer eigentlichen geradlinigen Bewegung abweichen können (παρέγκλισις- Deklination des Atoms). Dies sei der eigentliche Grund der Repulsion. Diese Abweichungen kommen zwar ohne Ursache zustande, führen aber dazu, dass Atome „verklumpen“. Dadurch entstehen qualitativ neue Erscheinungsformen der Atome. Atome können sich also mit der Zeit zwar nicht extenziell, aber in ihre Größe, Gestalt und Schwere- also in ihrem Wesen verändern.

Da der Mensch Vernunft (animus) besitzt und denken kann [Epikurs Brief an Herodot], kann er diese Veränderungen beeinflussen. Er kann sozusagen selbstbestimmt handeln. Formen der Repulsion lassen sich, nach Epikur, auch in der Politik (Vertrag) und im Sozialen (Freundschaft) finden.8 Damit, so Marx, sieht Epikur nicht nur einen „Widerspruch zwischen Wesen und Existenz, zwischen Form und Materie“9, das einzelne Selbstbewusstsein10, besser gesagt die Willensfreiheit des einzelnen Menschen wird zum Prinzip seiner Philosophie. „Bei Epikur ist die Atomistik … die Naturwissenschaft des Selbstbewusstseins …“11 Epikur ist daher der größte griechische Aufklärer“12, so Marx. Epikur habe „das Wesen der Repulsion erfasst, während Demokrit nur ihre materielle Existenz gekannt hat.13

Für Demokrit können sich Atome nur quantitativ d.h. in Gestalt, Lage und Ordnung14 ändern. Dies geschieht durch den s. g. Wirbel (gr. dinê). Damit bleibt der Mensch bei Demokrit „machtlos“. Unweigerlich führt dies zu einem Verlust an Menschlichkeit, Sinnlichkeit, an Subjektivität und Identität. Das Schöne und das Gute sowie die Kreativität des Menschen haben im Materialismus des Demokrit keinen Platz. Sie sind schlichtweg nicht notwendig.

 

Mein Kommentar

Meiner Meinung nach ist Karl Marx´ Dissertation außerordentlich aktuell. Epikurs Erkenntnisse könnten uns in Bezug auf die Künstliche Intelligenz weiterbringen. Im Prinzip fehlt auch Big Data das Menschliche, die Willensfreiheit des einzelnen Menschen. Wohlgemutheit (gr. euthymia), wie es Demokrit ausdrückte, [bzw. coolness, wie wir heute sagen würden] reicht eben nicht aus, um glücklich zu werden- nicht, wenn menschliche Kreativität und der Gebrauch der eigenen Vernunft, wenn unsere Willens- und Meinungsfreiheit verloren geht.

 

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 1 Urteil des damaligen Dekans und aller Fakultätsmitglieder („Ordinarien“) der 
   Philosophischen Fakultät der Universität Jena
 2 Karl Marx (1841). Differenz der demokritischen und epikureischen 
   Naturphilosophie. Holzinger. 2014, S.9
 3 Ebenda
 4 Vgl. Ebenda S.10
 5 Ebenda S.11
 6 Ebenda S.12
 7 Ebenda S.18
 8 Ebenda S.25
 9 Ebenda S.41
10 Ebenda S.42
11 Ebenda S.43
12 Ebenda S.42
13 Ebenda S.25
14 Vgl. Ebenda S.26f.

 

 

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The Lethal Narcissus: Heidegger on Sacrifice/Sacrifice on Heidegger (1997)
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Emanzipation der Rache und mimetischer Glaube: Die nukleare Abschreckung im Rückblick (1999)
Ein neomimetisch-kommunikationstheoretischer Ansatz
Stefano Cochetti.pdf
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