„Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.“ Johann Wolfgang von Goethe
„Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.“Johann Wolfgang von Goethe 

Februar 2018

Fiktives Gespräch

Stellen Sie sich vor,

Sokrates (469- 399 v. Chr.) hätte mit Apostel Paulus (10-67n.Chr.), eines seiner berühmten Gespräche auf dem Marktplatz von Athen [auf der Agora (altgriechisch ἀγορά)] führen können.

Sokrates:

Wer bist du, Fremder. Ich habe dich hier noch nie gesehen?

Paulus:

Man nennt mich Paulus, Saulus-Paulus.

Sokrates:

Woher kommst du und was führt dich zu uns?

Paulus:

Ich komme aus Jerusalem. Doch eigentlich stamme ich aus Tarsus. Ich habe mir Athen angesehen und sprach mit den Gläubigen eurer Synagoge.

Sokrates:

Ich hörte davon, dass du dich auch mit unseren Göttern beschäftigst. Ich selbst habe meine Schwierigkeiten damit. Kannst du mir helfen, die Götter besser zu verstehen?

Paulus:

Ja. Deshalb bin ich hier.

Sokrates:

Du behauptest also, genau zu wissen, wer Gott ist? Könntest du es mir wohl sagen? 

Paulus:

Gott hat die Welt erschaffen und alles in ihr. Er ist der Herr über Himmel und Erde. Er hat allen das Leben, den Atem und alles gegeben. Er hat aus einem einzigen Menschen das ganze Menschengeschlecht erschaffen, damit es die ganze Erde bewohne. Er hat für sie bestimmte Zeiten und die Grenzen ihrer Wohnsitze festgesetzt. Doch er wohnt nicht in Tempeln, die von Menschenhand gemacht sind. Er lässt sich auch nicht von Menschen bedienen, als brauche er etwas.[1]

Sokrates:

Behauptest du also, die Menschen benötigen einen Gott, nicht aber umgekehrt?

Paulus:

Ja, das behaupte ich. Ich kam von weither, um euch dies zu erklären.

Sokrates:

Ist es nicht aber so, dass Gott zu den Menschen spricht, dass sogar seine Stimme in uns wohnt?

Paulus:

Wie meinst du das?

Sokrates:

Nun ja, es wäre doch denkbar, dass Gott mit uns spricht, wenn wir etwas falsch machen, um zu verhindern, dass wir es tun. Seine Stimme, ich nenne sie Daimonion, warnt uns in entscheidenden Augenblicken und hält uns von der Ausführung einer gefährlichen Absicht ab. Sie kann sogar Dinge erkennen, die der Vernunft verborgen bleiben.[2]

Paulus:

Das wäre denkbar.

Sokrates:

Und bedeutet das nicht, dass Gott die Menschen braucht, ebenso wie ihr Tun?

Paulus:

Vermutlich. Der Mensch ist ja im Grunde ein Abbild Gottes.[3]

Sokrates:

Dann versuche doch, mir noch einmal zu erklären, was du unter einem Gott verstehst.

Paulus:

Das ist jetzt gar nicht mehr so einfach. Aber mir kommt da eine Inschrift in den Sinn, die ich hier bei meinem Rundgang in Athen an einem Altar gesehen habe: „Einem unbekannten Gott.“

Sokrates:

Wenn du nun aber sagst, Gott sei unbekannt, woher weißt du dann, wer Gott ist?

Paulus:

Ich kann es vermutlich nicht mehr mit Bestimmtheit sagen. Alles, was ich über Gott und die Menschen zu wissen glaubte, hat sich als fragwürdig herausgestellt.

Sokrates:

Dann lass uns doch gemeinsam versuchen, herauszufinden, was es mit Gott auf sich hat.

Paulus:

Ja, versuchen wir es.

Sokrates:

Wenn es stimmt, dass Gott in uns wohnt, dann hat er doch auch etwas mit unserem Denken und Handeln zu tun?

Paulus:

Ja, vermutlich.

Sokrates:

Nun ist doch aber jeder Mensch anders.

Paulus:

Dem stimme ich zu.

Sokrates:

Und eigentlich wollen wir alle das Gute.

Paulus:

Auch dem stimme ich zu.

Sokrates:

Und wenn dem so ist, ist es dann nicht so, dass jeder zwar anders über Gott denkt, aber dennoch das Gute will? 

Paulus: Ja, Sokrates. Dem ist so. Es gibt viele Vorstellungen über Gott. Ich brauche mich nur hier, in Athen umzuschauen. Manche von euch vergöttern Menschen überdies. Und ja, die meisten von uns wollen das Gute.
Sokrates: Und ist es nicht so, dass zuweilen die Umstände uns zwingen, entgegen dem Guten zu handeln? In solchen Situationen vermögen wir einfach nicht, das Gute zu tun.[4]

Paulus:

Gewiss, Sokrates. Es wäre demnach klug, einerseits jeden mit seiner Auffassung über Gott zu tolerieren, andererseits müssen die Menschen lernen, mehr auf ihre innere Stimme, die ich Gewissen nenne, zu hören.

Sokrates:

Ja, Paulus. Und dies betrifft ebenso die Menschen, die nicht an einen Gott glauben. "So lasse uns auf diese Art handeln, da uns hierin der Gott leitet."[5]

Paulus:

Du hast recht Sokrates. Wie weise von dir. 

© Martina Reinicke (2018) 

 

 


[1] Bibel. Elberfelder Übersetzung. Apostelgeschichte 17

[2] http://gutenberg.spiegel.de/buch/platons-werke-2430/55

[3] Bibel. Elberfelder Übersetzung. Der Brief des Jakobus

[4] http://gutenberg.spiegel.de/buch/platons-werke-2430/55 

[5] http://opera-platonis.de/Kriton.pdf

[6] Bibel. Elberfelder Übersetzung. Hohelied der Liebe. 1. Korinther 13

[6] 

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© Martina Reinicke