„Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.“ Johann Wolfgang von Goethe
„Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.“Johann Wolfgang von Goethe 

August 2018

Homo mimeticus*

oder

Novus ordo seclorum1

 

*„Wir wissen nicht, was wir wollen oder wer wir sind; wir besitzen im Prinzip keine eigenen Werte und Überzeugungen; was wir stattdessen haben, ist der Instinkt, zu kopieren und zu vergleichen. Wir sind ‚homo mimeticus’“.

(aus dem Nachruf des ORF für René Girard)


René Noël Théophile Girard wurde am 25. Dezember 1923 in Avignon geboren. Er war ein französischer Literaturwissenschaftler, Kulturanthropologe und Religionsphilosoph. Sein Werk lässt sich in die Tradition der philosophischen Anthropologie einordnen. Er lehrte u.a. an der kalifornischen Stanford University. Girard begründete die mimetische Theorie. Er selbst  war überzeugter Christ und Verfechter des Dialogs der Kulturen. Er starb 2015 in Stanford, Kalifornien. 

Girard hat besonders viele Anhänger im Silicon Valley. Warum? Später mehr.


Zunächst eine Kurzfassung der Mimesis-Theorie nach René Girard

1. Der Mensch weiß eigentlich nicht was er will. Ausnahme sind seine Grundbedürfnisse. Alles andere ahmt der Mensch von Geburt an nach und orientiert sich an anderen. Er begehrt das, was andere begehren (mimetisches Begehren). Nur Weniges ist dabei tabu. Da aber nicht alles geteilt werden kann, kommt es zu Konflikten. Je weniger das mimetische Begehren befriedigt werden kann, desto größer werden die Konflikte. Je größer die Differenzen zwischen den Rivalen, desto ähnlicher verhalten sie sich- sie werden gewalttätig. „René Girard zeigt, dass die mimetische Rivalität ansteckend ist und in der Gruppe zu raschen Gewalt-Eskalationen führt.“ (aus dem Nachruf des ORF)

2. Um diese Krise zu beenden, werden Sündenböcke gesucht. Sündenböcke sind willkürlich ausgewählte, unschuldige Opfer, auf die die Gemeinschaft ihre Aggression, Frustration und Angst abwälzt. (aus dem Nachruf des ORF) Sie werden für die Krise verantwortlich gemacht. Um die Krise zu beenden muss der Sündenbock verbannt und/oder vernichtet werden. Da der Sündenbock immer ein schwer einzuordnender Fremder ist, ist dies relativ einfach und einmütig möglich. Ein Sündenbock ist immer ambivalent: einerseits ist er vermeintlich schuld an der Krise, andererseits besteht sein "Verdienst" darin, die Krise beendet zu haben. Dank ihm herrscht wieder Frieden in der aufgeheizten Masse.

3. Mimetische Krisen gab es in der Geschichte der Menschheit immer wieder. Erst mit der Entstehung der jüdisch-christlichen Kultur, so René Girard, wurde die Lüge um den Sündenbock bzw. der Sündenbockmechanismus aufgedeckt.  „Die Hebräische Bibel verweigert jede Dämonisierung-Divinisierung2  der Opfer der blutrünstigen Menge. Die wahren Verantwortlichen der Ausstoßung sind nicht die Opfer, sondern deren Verfolger…“ (René Girard) Das Christentum stellt sich darüber hinaus auf die Seite der Opfer. Jesus von Nazareth [respektive Gott] macht sich selbst zum Sündenbock und enthüllt damit die verborgene Gewalt der Gesellschaft- den Sündenbockmechanismus, so Girard.


Seit dem wird versucht, das mimetische Begehren ohne Sündenböcke, mit Hilfe anderer Mechanismen im Zaum zu halten. Nur so sei gesellschaftlicher Frieden möglich.

Doch gegenwärtig werden mühsam errungene Schutzmechanismen wie z.B. eine aufgeklärte Moral, gut funktionierende Demokratien und die Einhaltung von Menschenrechten systematisch aufgelöst. Hinzu kommt, dass vor allem die technische Entwicklung mimetische Rivalitäten unentwegt beschleunigt. Mehr noch:

„Wegen der fortschreitenden Auslöschung archaischer Schutzmaßnahmen und unserer beispiellosen technischen Möglichkeiten sind wir die ersten Menschen, die den ganzen Planeten zerstören können. Die Beschleunigung unbegrenzter mimetischer Rivalität (in Krieg und Handel) hat verheerende Folgen. Heute wird die Verwirrung zwischen Naturkatastrophen und Katastrophen, die in den apokalyptischen Abschnitten der synoptischen Evangelien beschrieben werden, erstaunlich verständlich. Es ist kein kleines archaisches Dorf, das jetzt bedroht ist, sondern unser "globales Dorf".‘ (aus Girards Buch „Achever Clausewitz“).


Girards Strahlkraft im Silicon Valley

Peter Thiel, Co-Begründer von PayPal, Billionär und Erstfinancier von Facebook lernte René Girard während seines Studiums in Stanford kennen. Er ist heute noch fasziniert von Girards Ideen und versteht seine Mimesis-Theorie als Anleitung zum Fortschritt.

Mit Hilfe modernster Technik soll das gute Nachahmen3 („Keep up with the Joneses“-Phänomen)4 gefördert werden. Gerade soziale Netzwerke setzen darauf: Liken, Teilen und Kommentieren auf Facebook und das ständige Durchscrollen von Streams der eigenen „Freunde“ regt dieses mimetische Begehren an. Deshalb ist Facebook eine so effektive Werbe-Maschine.

Das s.g. schlechte mimetische Begehren dagegen, welches zu Neid und Hass führt, soll gedrosselt und die damit verbundenen Konflikte vermieden werden, indem man begehrte Objekte differenziert und individualisiert. Algorithmen wählen die für uns passende Objekte aus. Jeder, so wird uns vorgegaukelt, kann haben, was der andere begehrt. Das nenne ich Gleichmacherei, wir werden alle zu Produkten.

Doch damit wird der Mensch nicht von seiner mimetischen Begierde, sondern vom Menschsein befreit, denn „Menschen sind gut darin, Urteile und Entscheidungen zu fällen, Pläne zu machen, die Bedeutung der Dinge zu verstehen.“ (Peter Thiel). Monetarisierung und Wachstum sind das eigentliche Ziel.

Thiel und andere „Girardianer“ setzen dabei auf Monopolisierung (mimetisches Begehren wird sinnlos, wenn andere etwas haben wollen, was nur einer haben kann), Verherrlichung des Neuen, Konkurrenz, Disruption (gegen den Strom schwimmen, stören) und Technokratie. Es geht dabei um viel, viel Geld, um Macht und Lügen. (Trump etc. sind nur die logische Konsequenz dieser Entwicklung.) Einen moralischen Kompass, wie christliche Werte und den Dialog der Kulturen kennen Girards Jünger nicht mehr.

Meine Meinung

Im Prinzip sind vorgegebene moralische Werte auch gar nicht nötig, denn einen moralischen Kompass trägt jeder von uns in sich. Oft fehlt nur die Fähigkeit entsprechend unserer persönlichen Orientierung zu handeln. Und es fehlt in unseren Kindergärten und Schulen an Möglichkeiten, dies zu erlernen. Nicht das Befriedigen oder Nichtbefriedigen des mimetischen Begehrens, sondern der vorhandene oder fehlende Dialog mit dem anderen macht uns zu dem, wer wir sind.

 

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[1] Eine neue Ordnung der Zeitalter
[2] Abwertung oder Vergötterung 
[3] Gewaltfreie Nachahmung/Imitation (René Girard)
[4] Mit dem Nachbarn vergleichen bzw. mithalten

 

 

Literatur

Girard, René (1988): Der Sündenbock, Benziger Verlag

Girard, René (1994): Das Heilige und die Gewalt, Fischer Verlag

Girard, René (2007): Achever Clausewitz, Carnets Nord Verlag

Girard, René (2008): Ich sah den Satan vom Himmel fallen, Verlag der Weltreligionen

Palaver, Wolfgang (2008): René Girards mimetische Theorie, Matthes & Seitz Berlin

Girard, René (2009): Das Ende der Gewalt, Herder Verlag

Heuser, Uwe Jean (2014): Peter Thiel- Funkelnder Kapitalismus, https://www.zeit.de/2014/39/peter-thiel-wettbewerb-kapitalismus/komplettansicht (aufgerufen am 31.07.2018)

Lanchester John (2017): Über Facebook- Du bist das Produkt, https://www.deutschlandfunk.de/ueber-facebook-du-bist-das produkt.1184.de.html?dram: article_id=397257 (aufgerufen am 31.07.2018)

ORF (2015): Nachruf, http://sciencev2.orf.at/stories/1764371/index.html (aufgerufen am 31.07.2018)

Adrian Daub (2016): Metaphysik der Nerds, https://www.nzz.ch/feuilleton/zeitgeschehen/suendenbock-und-silicon-valley-metaphysik-der-nerds-ld.16908 (aufgerufen am 31.07.2018)

Morality

Chemnitz

Teaching

 

Symposium 

from 11th to 13th October in Chemnitz

 

 

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© Martina Reinicke