„Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.“ Johann Wolfgang von Goethe
„Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.“Johann Wolfgang von Goethe 

April 2018

Jugend ohne Gott

 

Buch- und Filmempfehlung

Die vierte deutsche Verfilmung des gleichnamigen Romans von Ödön von Horváth spielt in der nahen Zukunft. Jugendliche, in einem fiktiven Elite- bzw. Assessment-Camp kämpfen darum, zum Studium an einer der renommiertesten Universitäten zugelassen zu werden. In diesem Trainingscamp, gelegen in einem Wald, zählen nur Leistungsdruck und Disziplin. Die Unibewerber sollen ihre Ausdauer, vermeintliche Teamfähigkeit und Führungsqualitäten unter Beweis stellen. Die Benutzung von Privathandys und anderen eigenen technischen Hilfsmitteln ist dabei strikt untersagt. Eine Zulassung zur Uni erhalten nur die Härtesten: intelligent mit „sozialen Kompetenzen“, körperlich fit, ohne Makel, Gewissen und Moral. Die Besten sind die, die keine Gnade kennen. Die Besten sind „gottlose Fische“[1] - ohne Schuldgefühle.


Die literarische Vorlage des Films, 

hingegen, spielt in unserer Vergangenheit- während des Faschismus- und beschreibt die Beobachtungen eines namen- und kinderlosen 34-jährigen ledigen Gymnasiallehrers. Er beobachtet, wie sich, aufgrund autoritärer Strukturen, nicht nur die Jugendlichen seiner Zeit immer mehr verändern. Im Zentrum des Buches stehen eben jener  Lehrer, seine Schüler und deren Verhältnis zueinander. Der neue Zeitgeist des aufstrebenden Faschismus verändert sowohl die Schüler als auch den Lehrer selbst.


Rahmenhandlung des Films

Im Gegensatz zum Buch sucht der Film vordergründig nach den Ursachen der beschriebenen Anpassungen und Verhaltens-änderungen: schulischer Leistungsdruck, Erfolgsdenken, Kälte im Elternhaus, persönliche Probleme, Streben nach Perfektion- Streben danach, der Beste zu sein, um Karriere machen zu können.

Die Ausgangspositionen der Protagonisten sind dabei durchaus unterschiedlich. Doch sie alle vereint ein Ziel: ja nicht an einer öffentlichen Schule landen. Öffentlichen Schulen [im s.g. äußeren Sektor] sind das Letzte und der Garant zu den zukünftigen Verlierern der Gesellschaft zu gehören. 

Deshalb streben alle (mit Ausnahme einiger Unangepasster und Illegaler) danach, in den inneren Sektor zu gelangen. Doch dazu bedarf es der Integration. Integration wird als Mittel verstanden, Eliten zu schützen und Schwache zu isolieren.


Dies wirft für mich mehrere Fragen auf:

1. Welche Kompetenzen benötigen nicht nur Jugendliche 
   in einer modernen Gesellschaft wie der unseren?

2. Welche Anforderungen müssen öffentliche Schulen 
   erfüllen, damit alle Schüler eine echte Chance in  
   unserer Gesellschaft haben?

3. Müssen tatsächlich alle die gleichen Chancen haben?

4. Was bedeutet Integration? 

5. Welche Rolle müssen Lehrer und Lehrerinnen heute
   spielen, um Jugendliche stark für die Zukunft zu
   machen?

6. Wie lassen sich Teamgeist und Individualität 
   miteinander vereinbaren?


Die Kernhandlung

Ähnlich der Kernhandlung in Ödön von Horváths Buch geht es um ein gestohlenes Tagebuch. Der Diebstahl wird mit Mord vergolten, und bis zum Ende des Films bleibt unklar, wer die Täter sind- es bleibt unklar, wer Dieb und wer Mörder ist. Erst ein Perspektivwechsel bringt den Zuschauer auf die richtige Spur. 


Der große Unterschied zum Roman: Der Lehrer bleibt nicht nur namenslos, sondern nahezu anonym, sein Verhältnis zu den Schülern und sein Gewissenskonflikt eher im Dunkeln. Und das, obwohl er der vermeintlich Schuldige ist. Zentralfigur im Film ist der Schüler Zach, ein Einzelgänger, der zu Beginn des Filmes rückblickend auf seine Camp-Erfahrungen zu folgendem Resümee kommt: 
"Wenn ich die Augen schließe, sehe ich eine Welt, in der alle Menschen gleich sind. Jeder kann sein, wie er ist und frei entscheiden, wie er leben will. Eine Welt, in der man keine Angst haben muss, für seine Fehler bestraft zu werden. Alle haben die gleichen Chancen, egal, woher sie kommen, egal, wer ihre Eltern sind. Es gibt keine Missgunst und keinen Neid, kein Arm und kein Reich und keine Sektoren. Niemand muss kämpfen. Nicht um sein Leben, nicht um Besitz, nicht um Gerechtigkeit. 
Aber wenn ich meine Augen öffne, dann sehe ich die Welt, wie sie ist: verlogen und kalt."




Mein Resümee: 

„Jugend ohne Gott“ ist sowohl ein sehr empfehlenswerter (Schul-) Film, als auch ein interessanter Krimi. Über beides lässt sich ausgezeichnet diskutieren…

 

© Martina Reinicke (2018)

 

 

 

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Martina Reinicke