„Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.“ Johann Wolfgang von Goethe
„Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.“Johann Wolfgang von Goethe 

März 2019

Woher die Narzisse ihren Namen hat...

frei nacherzählter Mythos

Schade, dass die alten Mythen der Griechen in Vergessenheit geraten sind. [1]

Folgende Geschichte soll sich vor tausenden von Jahren in Tespiai zugetragen haben.

Nachdem der Flussgott Kephissos die Wasser- bzw. Quellnymphe Leiriope vergewaltigt hatte, war diese sehr verzweifelt. Leiriope ging deshalb zum blinden Seher Tiresias.[2] Der alte Mann gab ihr folgenden Rat: Leiriope solle sich nicht sorgen. Alles werde gut. Sie müsse nur darauf achten, dass ihr Kind sich nicht selbst erkennt. „Si se non noverit!“ soll er zu ihr gesagt haben.

Den letzten Satz hatte Leiriope zwar nicht richtig verstanden, dachte aber: ‚Kein Problem. Das bekomme ich hin.‘[3]

Neun Monate später gebar Leiriope ihren Sohn. Sie nannte ihn Narkissos. Er soll ein sehr hübsches Kind gewesen sein und wurde deshalb von allen verwöhnt.

Die Jahre vergingen…

Als Narkissos zum gutaussehenden und selbstbewussten jungen Mann herangewachsen war, kam es, wie es kommen musste: die Liebe kam ins Spiel. Als erstes verliebte sich Echo in ihn. Die arme hatte einst Hera, die Gemahlin des Zeus, erzürnt. Im Auftrag von Zeus hatte sie ihr, um sie abzulenken, stundenlang Geschichten erzählt. So konnte der alte Schwerenöter in Ruhe fremdgehen. Als Hera schließlich hinter diese Intrige kam, bestrafte sie Echo nachhaltig. Von da an konnte Echo nur noch das wiederholen, was zu ihr gesagt wurde. Logisch, dass Narkissos schnell von ihrem Geplapper genervt war und sie abblitzen ließ. Echo verweigerte von diesem Zeitpunkt an jegliche Nahrung. Ja: man könnte sagen, dies ist der erste bekannte Fall von Magersucht.[4]  Die Götter verwandelten Echo schließlich in einen Felsen und bestraften alsbald den schönen Narkissos.

Doch zunächst verliebte sich noch der schöne Ameinios in Narkissos.5]  Vermutlich war Ameinios etwas zu aufdringlich oder er gefiel dem schönen Narkissos nicht. Überliefert ist, dass Nakissos ihn zurückwies. Schlimmer noch: er gab ihm sogar ein Schwert, damit dieser sich von seinem Liebeskummer befreien könne. Ameinios erstach sich daraufhin auch-  vor der Wohnung von Narkissos. Kurz vor seinem Tod, so die Überlieferung, flehte Ameinios die Götter an, seinen Tod zu rächen. Damit rief er Nemesis, die Göttin der ausgleichenden Gerechtigkeit, auf den Plan.

Und wie reagierte Narkissos?

Genervt von diesem Liebestheater, wollte erst einmal seine Ruhe. Er ging in den Wald, um sich von dem ganzen Stress zu erholen. Schließlich kam er an einen See, beugte ich über das Wasser und wollte sich erfrischen. Als er in das Wasser blickte, war er entzückt. ‚Welch eine Schönheit‘, dachte er und verliebte sich sofort. Natürlich wollte er seine Liebste/ seinen Liebsten berühren. Doch immer, wenn er in das Wasser griff, verschwand sie/ er. Narkissos hielt diesen Sehnsuchtsschmerz nicht aus.[6] Verzweifelt nahm er sein Schwert und erstach sich ebenfalls. Dort, wo die Blutstropfen zu Boden fielen wuchsen Narzissen.[7]

Und die Moral von der Geschicht: Scito te ipsum, ante alios facere.[8]

 

 


[1] Das antike Griechenland (Hellas) wird als Wiege unserer abendländischen Kultur angesehen: Das griechische Alphabet war die Grundlage des lateinischen Alphabets. Im griechischen Kulturkreis liegen die Anfänge unserer Geschichtsschreibung, Philosophie und Staatstheorie. Das griechische Theater und die Olympischen Spiele sind bis heute von Bedeutung.

[2] Das war damals eine Möglichkeit was man tun konnte, wenn man in einer misslichen Lage, besser gesagt in einer Zwickmühle war und nicht wusste, wie es weitergehen soll.

[3] Das war damals wirklich kein Problem, denn Spiegel (das Wort Spiegel ist abgeleitet vom lateinischen Wort specare und bedeutet sehen) gab es zu dieser Zeit vermutlich nur am anderen Ende der Welt.

[4] Die alten Griechen sagen: das ist der eigentliche Grund, warum wir heute in den Bergen nur noch ihre Stimme hören können.

[5] Ja: richtig gelesen. Schwul oder lesbisch sein war damals gar kein Problem. Jeder konnte, wie er wollte.

[6] Der aufmerksame Leser weiß: der „Fluch" des Teiresias hatte sich erfüllt und Nemesis tat das Ihrige.

[7] Noch heute gibt es in der Psychologie das Krankheitsbild „Narzisstische Persönlichkeitsstörung" und der Saft der Narzissen wird zu Balsam destilliert, der gegen Frostbeulen und Ohrenschmerzen hilft. Was für ein Zufall.

[8] Erkenne dich selbst, bevor es die anderen tun.

                                                                                                 © Martina Reinicke

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