„Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.“ Johann Wolfgang von Goethe
„Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.“Johann Wolfgang von Goethe 

November 2018

Vor zwei Monaten, in der Nacht zum 26. August 2018, wurde der 35-jährige Deutschkubaner Daniel H. in Chemnitz erstochen. Seither ist die Stadt im Krisenmodus: Demonstrationen, rechtsextreme Ausschreitungen, Angriffe auf ausländische Restaurants, schließlich die Verhaftung mutmaßlicher Rechtsterroristen - und das alles mit nationaler, teils internationaler medialer Begleitung. Viel wurde über die Chemnitzer Verhältnisse geschrieben und gesendet, die Debatte um Hetzjagden löste in Berlin eine Regierungskrise aus, der Chef des Bundesamtes für Verfassungsschutz wurde versetzt.1

Und dennoch geschah in Chemnitz, fast unbemerkt, ein kleines Wunder.

Vom 11. bis 13. Oktober 2018 fand in Chemnitz, gegenüber dem Karl-Marx-Monument das 12. Internationale Moralkompetenz-Symposium statt. 

 

Und die Ironie des Ganzen: 
dieses Symposium thematisierte folgende Fragen:

Wie bekommen wir es hin, Konflikte und Probleme durch Denken und Diskussion zu lösen, statt durch Gewalt und Unterwerfung unter andere.

Wie kann man lernen, Meinungsgegnern zuzuhören und ihre Ansichten als persönliche Bereicherung sehen, ohne sie zu hassen?

Warum sollten wir diese Kompetenz- die Moralkompetenz erlernen?

In den letzten Wochen haben wir hautnah miterlebt, was es bedeutet, wenn es einigen Menschen an eben dieser Moralkompetenz mangelt. Bürger schrien laut auf der linken und der rechten Seite, doch Kommunikation fand nicht mehr statt. Die Meinungen waren zu verschieden. Und mittlerweile wünschen sich nicht wenige Menschen autoritäre Strukturen: manche verfallen in DDR-Nostalgie, andere wollen noch weiter in der Geschichte zurück.

Deshalb war Chemnitz genau der richtige Ort, um das 12. Internationale Moralkompetenz-Symposium zu veranstalten- gerade wegen der Demonstrationen, wegen der Angst, die manche in unserer Stadt verbreiten und trotz der negativen Schlagzeilen, in die Chemnitz in den letzten Wochen geraten war. Denn Chemnitz ist vor allem auch ein Ort, an dem traditioneller Erfindergeist und Einfallsreichtum auf die neuesten Entwicklungen des 21. Jahrhunderts treffen. Die Technische Universität Chemnitz und die vielen hier ansässigen Forschungseinrichtungen und Unternehmen zeugen von der Stellung unserer Stadt als führendes nationales Forschungs- und Entwicklungszentrum.

Das 12. Internationale Symposium zum Thema "Moralkompetenz: ihr Wesen, ihre Bedeutung und ihre Lehrbarkeit" brachte Wissenschaftler und Praktiker aus aller Welt zusammen. 

Die Teilnehmer kamen aus China, Polen, Sierra Leone, Süd-Korea, den USA und Deutschland. Ehrengast war Prof. Dr. Georg Lind, der Erfinder des Moralische Kompetenz-Test (MKT®) und der Konstanzer Methode der Dilemma Diskussion (KMDD®).

In der Freizeit konnten die Teilnehmer an zwei Stadtführungen teilnehmen und sich mit eigenen Augen davon überzeugen, wie schön Chemnitz trotz der Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg und der nicht so schönen Architektur der DDR-Zeit ist.
Alle, die in irgendeiner Art und Weise an der Organisation und Durchführung des Symposiums beteiligt waren (sei es als Busfahrer, Dolmetscher, Gaststättenbesitzer, Eventmanager, Stadtführerin, Hotelangestellter oder Mitarbeiter) sind nette, tolerante und hilfsbereite Sachsen, die stolz auf ihre Heimat sind und das auch so rübergebracht haben. Ihnen gilt mein ganz persönlicher Dank!
Doch es gibt etwas, dass uns im Nachhinein erschüttert hat: wir waren wahrscheinlich die vorerst letzten Gäste im Mangal. Unser Mitgefühl gilt auch! Ali Tulasoglu, seiner Familie und seinen Mitarbeitern.

 

 


Workshop

Vor dem Symposium hielt Dr. Kay Hemmerling einen halbtägigen Workshop zur Frage "Wie arbeitet man mit dem Moralische Kompetenz-Test?". Die Teilnehmer konnten sich über den MKT®, seine theoretischen Grundlagen, seine Funktionsweise und dessen Anwendung informieren.

Keynote

Nach der offiziellen Eröffnung des 12. Internationalen Moralkompetenz-Symposiums durch die Organisatorin Martina Reinicke  und ihren einleitenden Worten eröffnete Prof. Dr. Georg Lind die Vortragsreihe mit seiner Keynote "The Nature of Moral Competence, its Relevance and its Teachability".

Lind definierte zunächst Moralkompetenz als "Fähigkeit, Probleme und Konflikte auf der Grundlage der eigenen Moralischen Orientierung (moralische Ideale wie Humanismus, Gerechtigkeit, Freiheit, Gesundheit, Kompetenz und andere) durch Denken und Diskutieren zu lösen, statt durch Gewalt, Betrug oder Unterwerfung unter andere". 

Lind betonte, dass es keine einheitliche Moral gibt. Wir müssen klar zwischen zwei verschiedenen Aspekten der Moral unterscheiden: dem kognitiven Aspekt (der Moralischen Kompetenz) und dem affektiven Aspekt (der Moralischen Orientierung).

Beide Aspekte sind zwar untrennbar miteinander verbunden, können aber beide mit dem Moralische Kompetenz-Test (MKT®) gemessen werden. Dieser experimentelle Fragebogen ist das erste Messinstrument, das die objektive Bewertung der internen Moralkompetenz ermöglicht, so Lind.

Lind erklärte, dass viele Studien mit dem MKT® gezeigt haben, dass die Moralkompetenz von herausragender Bedeutung für unser Sozialverhalten ist (gesetzestreues Verhalten, Ehrlichkeit, Vertragserfüllung, Ablehnung falscher Autorität, Hilfe, psychische Gesundheit, Whistleblowing, schnelle Entscheidungsfindung, Lernleistung, etc.) Dieses Verhalten ist entscheidend für das Zusammenleben in einer pluralistischen Demokratie. Daher ist die Förderung der Moralkompetenz dringend erforderlich.

Unsere Moralische Orientierung ist uns zwar angeboren, erklärte Lind: die meisten Menschen befürworten Gerechtigkeit, Sicherheit, Geborgenheit, ein friedliches Zusammenleben usw.

Doch unsere Moralkompetenz entwickelt sich nicht von selbst. Ganz im Gegenteil: sie nimmt ab, wenn sie nicht benutzt wird. Ihr Entwicklung erfordert deshalb Möglichkeiten, sie zu nutzen und effektiv zu fördern. Demokratische und integrative Lernmethoden wie beispielsweise die KMDD® sind dringend erforderlich. Schulen benötigen moralische Bildung in diesem Sinne.

Präsentationen

Nach Linds Grundsatzrede diskutierten die Teilnehmer einerseits intensiv darüber, was im Bereich der Moralkompetenzforschung und -ausbildung erreicht wurde. Andererseits eröffneten sie völlig neue Perspektiven der moralischen Bildung:

Dr. André Schmiljun von der Adam-Mickiewicz-Universität in Poznań, Polen skizzierte in seinem Vortrag die Herausforderungen, vor denen die moralische Bildung, im Zuge der fortschreitenden Entwicklung Künstlicher Intelligenz, steht. Schmiljun beschäftigt sich mit der Frage, in wieweit Roboter, ohne Personen zu sein, moralische Akteure sein können.

Prof. Marina Klimenko von der University of Florida, USA erläuterte, wie moralische Bildung der Zukunft aussehen könnte. Sie präsentierte die Ergebnisse ihrer Online-Bildungsstudie. Studenten mussten in einer Online-Gruppendiskussion u.a. über mindestens eine Dilemma-Geschichte nachdenken und diskutieren. Die Ergebnisse zeigten, dass es auch online möglich ist, Moralkompetenz fördern.

Prof. Dr. Georg Lind aus Konstanz, präsentierte sein "Diskussionstheater" als neuen Weg, die Moralisch-demokratische Kompetenz zu fördern. Diese neue Form des Theaters (ohne Zuschauer und Schauspieler) ermöglicht es den Teilnehmern eine Geschichte zu hören, darüber nachzudenken, über moralischen Prinzipien zu beraten, über die Entscheidung des Protagonisten abzustimmen und zu diskutieren, die besten Gegenargumente zu nominieren und über den Lerneffekt des ganzen Stückes zu reflektieren.

Yueming Hou von der Chinese University of Physical Education and Sports Science in Guangzhou in China untersucht, wie Moralkompetenz durch Gruppensport gefördert werden kann. Er befragte Teilnehmer eines wöchentlich stattfindenden öffentlichen 5 km langen Park-Laufes. Hou geht davon aus, dass Aktivitätsanreize wie Gleichberechtigung, Freiheit, Mitgliedschaft sowie echte Interaktion zwischen den Teilnehmern während des Laufes die Moralkompetenz fördern.

Dr. Małgorzata Steć vom polnischen Akademia Ignatianum in Krakau beschäftigt sich mit der Frage, welche Faktoren die Moralkompetenz bei Hochschulstudenten beeinflussen. Małgorzata Steć stellte fest, dass neben der Teilnahme an KMDD®-Sitzungen die Steigerung der Moralkompetenz auch durch andere Faktoren beeinflusst wurde. Stec plant, diese Faktoren genauer zu untersuchen.

Prof. J. A. Y. Park von der Gyeongsang National University in Südkorea schlug eine Modifikation des Algorithmus für den C-Wert vor. Erste, von Park durchgeführte, Tests ergaben Hinweise, dass es notwendig sei, einige Argumente des MKT- Fragebogens neu zu formulieren. Damit solle die theoretische Validität des MKT® gewährleistet und verbessert werden.

Dr. Kay Hemmerling aus Leipzig sprach über seine Erfahrungen mit einem KMDD-Interventionsprojekt in einem Berliner Gefängnis. Er konnte zeigen, dass auch Straftäter zum Teil eine hohe Moralische Orientierung haben. Auch sie favorisieren moralische Ideale wie beispielsweise Gerechtigkeit, Fairness, Respekt, Sicherheit. Doch viele Straftäter haben eine geringe Moralkompetenz. Mehr noch: ihre Moralkompetenz nimmt ab, je länger sie im Gefängnis bleiben. Hemmerlings Studie zeigte, dass diese Regression gestoppt werden kann und dass es möglich ist, auch die Moralkompetenz von Strafgefangenen zu verbessern. Hemmerling veröffentlichte seine Studie und deren Ergebnisse in seinem Buch "Morality Behind Bars". Zur Veranschaulichung zeigte Hemmerling einen Kurzfilm, in dem Gefangene über eine Dilemma-Geschichte diskutieren.

Als letzte Referentin präsentierte Martina Reinicke aus Chemnitz ihr Buch "Moral Competence Reloaded". Martina Reinicke ist KMDD-Lehrerin auf Lebenszeit und unterrichtet u.a. Ethik. Mit ihrem Buch versucht die Autorin, drei Fragen verständlich und unterhaltsam zu beantworten: "Was ist Moralkompetenz", "Ist Moralkompetenz wichtig?" und "Kann Moralkompetenz unterrichtet werden?“ Martina Reinicke schildert ihre Erfahrungen mit der KMDD® und dem MKT®. Mit Hilfe von Anekdoten aus dem Schulalltag und Dilemma-Geschichten, erläutert sie was getan werden kann, um die Lücke zwischen den eigenen (moralischen) Überzeugungen und unserem tatsächlichen Verhalten zu schließen. Dies ist ein grundlegender Baustein, um kompetent für eine Demokratie zu sein, fasste die Autorin zusammen

Ein Kurzfilm über eine KMDD-Sitzung mit deutschen und afghanischen Schülern zeigte eindrucksvoll, wie moralische Bildung auch zur besseren Inklusion beitragen kann. Inklusion und Moralkompetenz sind eng miteinander verbunden, so Martina Reinicke. Eine höhere Moralkompetenz führt zu einem besseren integrativen Verhalten und damit zum Inklusionsfortschritt.

Schlussfolgerungen

Abschließend fasste Georg Lind das Symposium mit folgenden Worten zusammen: 

„Wir wissen, dass Demokratie eine schwierige Art des Zusammenlebens ist. Wenn sich die Bürger nicht in der Lage fühlen, in einer Demokratie zu leben, lehnen sie diese ab und stimmen für antidemokratische Politiker. Moralkompetenz entwickelt sich nicht von selbst. Wir müssen diese Kompetenz fördern, indem wir angemessene Lernmöglichkeiten anbieten.“

Das 12. Internationales Moralkompetenz-Symposium in Chemnitz leistete dazu einen wichtigen Beitrag.

Freuen wir uns auf das 13. Symposium dieser Art: nächstes Jahr, in Konstanz!


 

© Martina Reinicke (2018)







 

 

 

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1 https://www.freiepresse.de/nachrichten/sachsen/haftbeschwerde-im-fall-daniel-h-amp10347983

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© Martina Reinicke