„Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.“ Johann Wolfgang von Goethe
„Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.“Johann Wolfgang von Goethe 

Juni 2019 

Homo Digitalis

Juni 2119 (SI-FI-Kolumne)

Als ich heute Morgen aufwachte und ziemlich müde vor den Spiegel trat, ergab der tägliche Gesundheitscheck durch meinen Badspiegel, dass mein Nervensystem überlastet sei. Weiter tragisch ist das eigentlich nicht. Nachdem ich mit meinem Handy- Computertomographen nochmals alles durchgecheckt hatte, aktivierte ich die entsprechenden Zellen meines Körpers.

Dann kramte ich in meinem IT-Case und holte meine neueste Errungenschaft heraus: Shā wén. Dahinter verbirgt sich ein Computerchip, so groß wie ein Sandkorn, dessen Gestalt kann ich per Idea (Gedanken) verändern. Zum Beispiel kann ich ihn in einen Flachbildschirm verwandeln. Toller Nebeneffekt: er passt in jede Hosentasche. Zähneputzen kann ich heute weglassen- sie wurden erst gestern neu nanobeschichtet. Ziemlich simpel: es ist dieselbe Technologie, die schon seit Jahrzehnten für Toiletten, Waschbecken, Duschen, etc. verwendet wird. Das keiner früher darauf gekommen ist… Endlich schaute ich, wie jeden Morgen beim Frühstück, die neuesten Weltnachrichten an. Mich interessiert brennend, was die Weltregierung zum Thema Energieproduktion in Afrika beschlossen hat. Afrika ist schon seit langem Energieexporteur Nr.1. Ich muss das dann gleich wissen, denn in einer  halben Stunde lade ich meinen Lehrer hoch. Mal sehen, was er heute wieder für eine abgefahrene Hausaufgabe hat…   

Ich nehme mein vegetarisches Gen-Lebensmittel-Menü, zusammengestellt von meinem Computer, aus dem Kühlschrank und staune nicht schlecht, als ich den ersten Bissen mache: in den Nachrichten sagen sie, dass Energie in Zukunft nicht nur aus dem wohlhabenden Afrika bezogen werden kann, sondern auch aus dem All. Die Solarenergieproduktion im Weltraum hat endlich begonnen, die Sonne ist angezapft. Die Sonnenkollektoren in unseren Fenstern und Hauswänden gehen mir schon lange auf den Nerv. Sie sind einfach zu altmodisch und umständlich. Nach dem Unterricht werde ich gleich meine vernetzten Freunde kontaktieren- mal sehen was sie dazu sagen oder ich logge mich einfach in eine Uni ein. Wie ich sehe, laufen zurzeit weltweit mehrere Vorlesungen zu diesem Thema… Wenn es zu schwer wird, arbeite ich einfach mit dem Mind- Programm eines Genies[1].

Mist: gleich habe ich Unterricht. Nur noch schnell ein paar Erdbeeren von unserer VVHF (vertikalen vegetarian home factory[2]) und ein Ei aus der Skyscraperfarm[3] bringen lassen.

„Hi Prof.“ begrüße ich meinen halogenen Lehrer freundlich. „Wie lief es denn mit der Hausaufgabe?“ ist wie immer seine erste Frage. Dann diskutieren wir lange über den DNA- Pass. Ich erkläre ihm mit sachlichen Argumenten warum ich welche Gene im Erbgut meines Kindes verändert haben will. Er argumentiert dagegen und nach zwei Stunden fühle ich mich einfach sicherer, wenn ich später einmal diese Entscheidung treffen müsste. Aber viele von uns schaffen sich gar keine Kinder mehr an. Wozu auch…

Als mein Lehrer wieder verschwunden ist, schalte ich mein Namaau (Nano- Magnet- Auto) frei. Nicht schlecht: da sitzen schon zwei drin. Mit denen werde ich mich über Afrika oder den DNA- Pass unterhalten oder wir bequatschen einfach die nächste Party.

Ich muss aber heute dringend noch zu meiner Großmutter 20. Grades Sie plant ihr Ende und wir sollen ihr dabei helfen, d.h. ich und der Rest unserer Familie. Meine Großmutter èrshí[4] hat alles schon durch: mehrere kranke Organe wurden durch Produkte des dreidimensionalen Druckers, gezüchtet aus eigenen Stammzellen  und mit Hilfe des Smart- Chirurgen ersetzt, neu installierte Neuronen- Schichten hatten die Leistungsfähigkeit ihres Gehirns mehrfach gepuscht und ihre Zellen sind alle zum zigsten Mal regeneriert. „Ich habe alles erreicht, was ich wollte.“ sagt sie ruhig. „Ich will nicht, dass ein Computer der neuesten Generation unsere Geschicke und mich bestimmt. Das ist mir dann doch zu viel.“ erklärt sie uns. Deshalb will sie jetzt ihren Todeszeitpunkt festlegen. Dabei geht mir die Hausaufgabe von heute durch den Kopf: Was wird aus der menschlichen Vernunft, wenn uns ein Weltcomputer bestimmt? Bis jetzt hat es zum Glück noch kein Computer geschafft, sie zu kopieren…

Sie denken, das ist alles Spinnerei? Weit gefehlt: Michio Kaku hatte bereits vor Jahren u.a. für sein 2011 erschienenes Buch „Die Physik der Zukunft“ 300 berühmte Wissenschaftler und Forscher nach unseren Zukunftsaussichten befragt. Ihre wichtigsten Hypothesen habe ich versucht, in dieser Geschichte zusammenzufassen.

Und in China wurden die ersten menschlichen Embryonen ganz offiziell gentechnisch verändert. Mit dem neuen Verfahren CRISPR/CAS lassen sich Gene und Genabschnitte so verändern, dass keiner mehr etwas merkt…

 

 

[1] Das ist der neueste Schrei: Intellektuelle lassen sich von Zeit zu Zeit Ihr Wissen downloaden.

[2] vegetarische Hausfabrik (wächst mittlerweile an fast allen Häuserwänden)

[3] Farmen, die vertikal entlang mehrerer Wolkenkratzer in unserem Gebiet angelegt wurden

[4] èrshí= chinesisch (zwanzig)

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© Martina Reinicke