„Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.“ Johann Wolfgang von Goethe
„Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.“Johann Wolfgang von Goethe 

Mai 2017

Was ich gelernt habe...

Resümee meiner zweiten KMDD-Ausbildung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Seit mehreren Jahren bin ich nun schon KMDD-Lehrerin. Vieles habe ich in dieser Zeit gelernt: besonders, eigene Grenzen zu erfahren und daraus die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen. In unserer Schule sind KMDD-Sitzungen zu einem festen Bestandteil der Ausbildung geworden, die Konstanzer Methode der Dilemma-Diskussion© ist eine von vielen Lehrern und Schülern wertgeschätzte Unterrichtsmethode. Ich habe gelernt, dass man für die Etablierung dieser Methode, in einer Schule, einen langen Atem braucht. Und erst jetzt werden immer mehr Lerneffekte, auch für andere, sichtbar.

Die KMDD ist eine Klassenzimmerdiskussion, die die Idee von Sokrates wiederbelebt: auf eine sinnvolle Weise zu diskutieren und damit Wissen über das Gute zu erreichen. Die KMDD wurde aus der Klassenzimmerdiskussion von Moshe Blatt und Lawrence Kohlberg entwickelt.  Sie greift die Ideen einer kommunikativen Ethik nach Habermas und Ansätze der Diskursmethode von Oser auf. Professor Lind, Experimentalpsychologe und Philosoph, ist der Erfinder der KMDD. Theoretische Grundlage ist die Zwei-Aspekt-Theorie von Lind (Lind 2009, Lind, 2015). Lind geht von dem ethischen Ansatz aus, dass eine gute moralische Entscheidung eine Entscheidung ist, die auf den eigenen moralischen Prinzipien beruht. Die KMDD macht es möglich, dass die eigenen moralischen Prinzipien durch Denken und Diskussionen mit anderen bewusstwerden. Dafür ist eine objektive Diskussion, frei von großen Emotionen (Affekte), notwendig. Nur unter diesen Bedingungen können Entscheidungen sorgfältig geprüft werden. Moralische Prinzipien können dann zu nachhaltigen Entscheidungen werden. Im besten Fall werden sie zu nachhaltigen Handlungen. Die Schüler, so meine Wahrnehmungen, sind hilfsbereiter, sie sind besser in der Lage, andere zu verstehen, sie treffen bessere Entscheidungen, sie lernen besser, und sie sind weniger unwissend. Um das zu erreichen, müssen Schüler die eigene Meinung durch das Gewissen kontrollieren und durch die Meinungen der anderen überprüfen können. Auf diese Weise können sie ihre moralische Kompetenz kontinuierlich entwickeln. Moralische Erziehung erfolgt durch die ständige Entwicklung der eigenen moralischen Kompetenz. Moralische Kompetenz meint "die Fähigkeit, Konflikte auf der Basis von moralischen Idealen (Prinzipien) durch Denken und Diskussion statt durch Gewalt, Betrug und Macht zu lösen. Genauer gesagt ist sie definiert als die Fähigkeit, die Argumente anderer Menschen hinsichtlich ihrer moralischen Qualität zu bewerten und nicht in Bezug auf ihre Meinungskonformität." (Lind 2008, Lind 2011, Lind 2015). In einer KMDD-Sitzung, das habe ich gelernt, kann ich erreichen, dass meine Schüler ein Maximum an Aufmerksamkeit und Lernbereitschaft entwickeln. Ich kann Schüler motivieren, ihr Denken und Diskutieren zu entwickeln. So, zum Beispiel, lernen Schüler während einer KMDD-Sitzung, eine Diskussion selbst zu moderieren. Dafür muss der Lehrer nur zwei Diskussionsregeln einführen. Während der Diskussion lernen die Schüler, sich auf die Sache statt auf Menschen zu konzentrieren. Dieser Lernprozess beginnt bereits mit dem Präsentieren der Dilemma-Geschichte. Er endet aber keineswegs nach den 90 Minuten die eine KMDD-Sitzung dauert. Das Durchführen von KMDD-Sitzungen, das habe ich gelernt, hat Langzeitwirkung. Skepsis gegenüber dieser Methode, so meine Erfahrung, ergab sich meist aus Folgendem: aus einem Mangel an Wissen über diese Methode und ihrem theoretischen Hintergrund; aus der unvollständigen Beherrschung der Werkzeuge dieser Methode oder aus beidem. Ich habe mich, im Rahmen meiner zweiten Zertifizierung, lange mit meinen Kollegen über die erste Zertifizierung unterhalten und die Eindrücke, die meine Veranstaltungen damals hinterlassen haben, zeigten mir, dass ich dies und jenes schon gut oder noch nicht so gut konnte. Anfangs, gab es beispielsweise während der Plenumsdiskussion noch zu große Pausen, die Argumentation stockte. Die Qualität der Dilemma-Geschichten und die Präsentation selbiger waren sehr häufig wichtige Ursachen dafür. Anfangs empfanden die Schüler die Ping-Pong-Regel als störend. Doch wie holprig hatte ich sie damals erklärt. Und ich war viel zu genau bei der Überwachung der Einhaltung der Meinungsfreiheit. Lachen, wenn es kein Auslachen ist, gehört heute für mich zu KMDD-Sitzungen dazu. Es ist sogar ein sicheres Zeichen dafür, dass der Unterricht Spaß macht. Ich kann mich noch gut daran erinnern, als mich die Schüler, während der Flüchtlingskrise, nach einer stattgefundenen KMDD-Sitzung, darum baten, doch endlich mal wieder richtig zu diskutieren. Ich erklärte mich einverstanden und bat einen Schüler, die Diskussion zu leiten. Ich bat ihn auch, eigene Gesprächsregeln aufstellen. „Bei mir kann jeder sagen, was er will!“ antwortete er. Die Diskussion war heftig und ein einziges Durcheinander. Plötzlich schritt der Diskussionsleiter ein und sagte: „Ich bin dafür, dass wir doch Frau Reinickes Regeln nehmen.“ Alle stimmten zu. Danach verlief die Diskussion viel sachlicher, wenn auch immer noch sehr emotional. Doch die beiden Regeln allein sind nicht das Besondere an der KMDD. Ich verstehe, ebenso wie meine Schüler, immer besser, dass die gesamten 90 Minuten mehr sind als nur eine besondere Form der Diskussion: man macht sich seine eigenen Gefühle bewusst, denkt ernsthaft darüber nach, lernt über Gefühle zu sprechen, setzt sich darüber mit anderen auseinander, lernt anderen zuzuhören, lernt komplett konträre Meinungen wertzuschätzen. Kurz: man lernt, sich eine eigene und fundierte Meinung zu bilden. Und man lernt demokratisches Handeln. Ich habe gelernt, dass man sich dafür, als Lehrer, die eigene Rolle bewusst machen muss. Oft manipulieren wir unsere Schüler unbewusst: mit unserer Mimik und Gestik, mit der Art, wie wir unseren Schüler zuhören, wie wir auf Gesagtes reagieren, wie wir selbst Feedback annehmen und geben…. Noten müssen wir geben, aber wie und wofür- das sind die entscheidenden Fragen. Wichtig ist, das habe ich gelernt, unsere Schüler zu motivieren für das eigene Leben lernen zu wollen, nicht nur für die anstehende Prüfung. Es ist wichtig, sie dabei einerseits zu unterstützen, andererseits aber auch, mit Hilfe von Schwierigkeiten, herauszufordern. Mich fasziniert nach wie vor, welche Rolle ich in einer KMDD-Sitzung spiele- genau genommen: fast keine… Und trotzdem läuft der Unterricht gut. Ich habe gelernt, Schülern mehr zuzutrauen. Auch in einer Berufsschule sind Auszubildende in der Lage sich selbst zu disziplinieren und trotzdem kreativ zu sein- vorausgesetzt sie haben das richtige Handwerkszeug. Mich interessieren die Meinungen meiner Schüler. Es ist interessant und aufschlussreich, ihnen zuzuhören. Das habe ich auf jeden Fall gelernt: meinen Schülern besser zuzuhören und sie dafür wertschätzen, dass sie ihre Meinung offen kundtun. Ich habe gelernt, diesen Mut, ehrlich zu sagen, was man denkt, nicht als selbstverständlich hinzunehmen. Ich selbst habe mich also, seitdem ich KMDD-Lehrerin bin, in meiner Rolle als Ethiklehrerin verändert. Vor kurzem sprach mich eine Schülerin auf dem Parkplatz der Schule an: „Frau Reinicke, ich muss Ihnen unbedingt mal was sagen: sie müssen auf jeden Fall wieder strenger werden“. (Die Schülerin hatte mich vor Jahren, in ihrer ersten Ausbildung anders erlebt.) Als ich Wochen später diese Anekdote einer anderen Klasse erzählte, war ich überrascht: „Um Gottes willen!“ war die einhellige Meinung der Schüler. Als ich sie fragte, was sie damit meinen, antworteten sie: "Was Sie unterrichten, ist menschlich und authentisch. Sie interessieren sich wirklich für uns. Unser Ethikunterricht inspiriert uns, ernsthaft über uns nachzudenken und zu diskutieren. Auf diese Weise „verschwindet“ einerseits der Lehrer während einer KMDD-Sitzung zunehmend. Dennoch fordert er seine Schüler heraus und unterstützt sie dabei, moralisch kompetent zu sein. Sie lernen, sozusagen, ihr demokratisches Grundrecht der freien Meinungsäußerung wahrzunehmen. Doch nach wie vor fehlt auch mir manchmal die innere Gelassenheit, die man braucht, um jeden Schüler verstehen zu können. Oft merkt man das an meiner Körpersprache. Aber das hat sehr viel mit der eigenen Erziehung und eigenen, bisher gemachten Erfahrungen zu tun. Sich das abzutrainieren ist wirklich nicht so einfach. Da hilft nur, immer wieder den eigenen Unterricht filmen und anschauen. Und gut sind Gespräche über die KMDD mit anderen, sowohl mit Menschen die sich für diese Methode interessieren, als auch mit Menschen, die dieser Methode skeptisch gegenüberstehen. Besonders große Skepsis hatten einige meiner Kollegen, als ich vorschlug, eine KMDD-Sitzung mit unseren ausländischen Schülern durchzuführen. Doch als ich zwei Kolleginnen in diese Sitzung einlud und wir einige Tage später gemeinsam darüber sprachen, entstanden im Gespräch so viele neue und wertvolle Ideen. Das habe ich gelernt: meine Fehler nicht als meinen Mangel, sondern als Reserven für eigene Verbesserungen zu sehen. Dabei sind Transparenz und Offenheit der Schlüssel, etwas verändern zu können. Ich habe auch gelernt, mit meinen Kollegen über die geplanten Sitzungen zu sprechen. Viele wollen im Vorfeld schon wissen, worum es denn dieses Mal geht. Dann findet oft, während einer Mittagspause, im Lehrerzimmer, eine spontane Dilemma-Klärung statt. So weiß ich schon im Vorfeld, ob jemand in einer Geschichte ein Dilemma sehen kann oder ob die Geschichte noch nicht so gut ist und verbessert werden muss. Ganz spontan werden Verbesserungsvorschläge geäußert und eigene Stories erzählt. Diese Pausen sind nie langweilig. Alle haben etwas zu sagen, vertreten sozusagen ihre Meinung. Nicht selten wird mir folgender Vorschlag unterbreitet: „Du könntest doch auch mal eine Geschichte zu diesem Thema schreiben.“ Manchmal versuche ich das dann, und manchmal gelingt es sogar. Ich habe auch gelernt, Schüler mit ins Boot zu holen. Jedes Jahr habe ich eine Klasse, die meine Geschichten „erstprüfen“ darf. Diese Schüler freuen sich wie kleine Kinder, wenn Frau Reinicke wieder eine neue Geschichte hat. Da ich in dieser Klasse immer nur eine Wochenstunde habe, schaffen wir es maximal nur bis zur Dilemma-Klärung. Aber auch das fördert die Moralkompetenz: diese Schüler denken über ein Problem nach, sie lernen, den moralischen Kern eines Problems zu erkennen, sie lernen, die eigenen moralischen Gefühle zu formulieren, und sie hören, wie die anderen Schüler denken. Ich habe aber außerdem gelernt, das Potential der Konstanzer Methode der Dilemma-Diskussion© als Beratungslehrerin zu nutzen. Die KMDD als inklusive Unterrichtsmethode eröffnet verschiedene Möglichkeiten, ganz individuell auf Schüler einzugehen und sie zu stärken- ganz gleich welche Besonderheiten zu berücksichtigen sind. Die KMDD eignet sich für alle Schüler, jeder wird wertgeschätzt, manche Schüler das erste Mal. Und ich habe gelernt, dass die Durchführung von KMDD-Sitzungen Veränderungen in der Schulkultur bewirken kann. Schüler werden selbstbewusster, hilfsbereiter, lernwilliger und haben mehr Verständnis für andere. Ich kann diese Behauptungen noch nicht mit Zahlen belegen, aber ich nehme das so wahr. Und ich habe den Vergleich zwischen zwei Schulteilen: in dem einem führe ich KMDDs durch, in dem anderen noch nicht…

 

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Martina Reinicke