„Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.“ Johann Wolfgang von Goethe
„Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.“Johann Wolfgang von Goethe 

Januar 2017

Postfaktisch


Web-Feuerwerk
jetzt zünden!

© Feuerwerk
Das Wort des vergangenen Jahres "postfaktisch" ist das deutsche Pendant zu "Post-truth". Oft wurde dieses Wort benutzt, viel darüber diskutiert. Post bedeutet "nach" und truth "Wahrheit".

Die Frage, die zunächst gestellt werden sollte: Leben wir tatsächlich in einem postfaktischen Zeitalter? Meiner Meinung nach beschreibt dieser Modebegriff zunächst nur, auf sehr simple Art und Weise, die Tatsache, dass wir uns in einer Phase des gesellschaftlichen Übergangs befinden. Dieser Übergang ist u.a. durch Digitalisierung, Globalisierung und Pluralismus gekennzeichnet(siehe Skizze unten). 

Solche gesellschaftliche Umwälzungen hat es schon immer gegeben. 

Die Presse schreibt z.B. dazu: "Die Bürger Roms lebten zur Zeit der Völkerwanderung [auch dieser Begriff ist umstritten- M.R.] in einer postfaktischen Epoche: Sie machten sich noch Illusionen von einem mächtigen Kaiser, der in Wahrheit eine Marionette seiner primitiven Soldaten war, von einem Senat, der in Wahrheit nichts mehr zu vermelden hatte, von einem Ewigen Rom, das in Wahrheit der Verwüstung durch die Vandalen ausgeliefert war, von einem Kulturvolk, das in Wahrheit durch einen markanten Geburtenrückgang dezimiert war, kaum nennenswerte Leistungen hervorbrachte, sich in der Dekadenz suhlte und von atavistischen Horden überflutet wurde."1 Gang und Gebe waren sicherlich, damals wie heute, Beweisreden für das Volk: argumentum ad populum. Man redete dem Volk einfach nach dem Mund. 
Autoritäten/ Führerfiguren versuchen, durch Mehrheitsmeinungen zu punkten. Fakten spielen dabei fast keine Rolle mehr. Man sagt einfach (um die eigene Position/ Macht zu sichern) was das Volk hören will. Alles ist erlaubt: Spekulationen, Lügen, Übertreibungen, Halbwahrheiten, Ängste schüren, Panik machen, aufmischen…

Das ist heute sehr einfach- besonders mit Hilfe der sozialen Netzwerke. Wer weiß schon was die digitale Wahrheit ist? Und wer hat real Recht? Auch wenn es so scheint: mit Demokratie hat das wenig zu tun, ebenso wenig mit demokratischer Willensbildung. 

Wenn man so will: uns fehlt das Gegenstück zur digitalen Meinungsvielfalt. Man tauscht kaum noch echte Argumente aus, man diskutiert nicht mehr darüber, was alles Fakt sein könnt. Man hat einfach seine Meinung und basta- je lauter, desto besser. Ob die eigene Meinung richtig ist, ist unwichtig geworden- sie stimmt ja für mich! Die einzige Prüfstelle, das Gegenargument, spielt keine Rolle mehr. Anstatt zu denken, braucht man nur noch zu hören, was die "Mehrheit" sagt. 

Doch, solch Blauäugigkeit hat Menschen, leider schon mehrmals in der Geschichte, in totalitäre Verhältnisse geführt. "Es gibt keine Demokratie ohne Fakten", schrieb der Osteuropa-Historiker Timothy Snyder vor einigen Wochen in einem Facebook-Posting. "Die politische Auseinandersetzung in einer Demokratie funktioniere nur dann, wenn Argumente geprüft, verworfen oder übernommen werden könnten. Ohne Fakten gibt es nur noch Geschrei."2

Man könnte noch ergänzen: Demokratie funktioniert nur, wenn jeder weiß, warum er eine ganz bestimmte Meinung hat. Bestimmen Emotionen unser Denken oder unser Wissen? Wissen wir eigentlich, warum wir so und nicht anders fühlen? Oder sind wir nur der Meinung, es zu wissen? Geht es um Auseinandersetzung oder Rechthaberei? 

Schwierige Fragen- angesichts Google, seiner immensen Datenfülle und angesichts der Tatsache, dass wir ständig zwischen dem bunten Online- und dem noch bunterem Offline-Modus hin und her switchen.

Nur eine Diskussionskultur, die dadurch gekennzeichnet wäre, dass Meinungen an Fakten und an die Vernunft gebunden sind, könnte uns darüber Klarheit verschaffen, was wirklich fakt, was tatsächlich mit uns los ist...

"Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!"   
(Kant)


                                                  © Martina Reinicke (2016)

 

1 http://diepresse.com/home/meinung/quergeschrieben/rudolftaschner/5100833/Postfaktisch_Das-Wort-

  klingt-harmlos-doch-es-ist-diabolisch

2 http://www.huffingtonpost.de/2016/12/29/postfaktisch-rechte-linke_n_13877654.html

 

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© Martina Reinicke