„Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.“ Johann Wolfgang von Goethe
„Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.“Johann Wolfgang von Goethe 

Februar 2017

Worin besteht eigentlich der Unterschied zwischen Mythos 
und Religion?

 

Unter einem Mythos, eigentlich Mythoi verstand man in der Antike ein Gleichnis, eine Metapher oder auch ein Gedankenexperiment. Mythen wurden erzählerisch von Generation zu Generation weitergegeben. Sie sind sozusagen eine Form des kollektiven Gedächtnisses- eine Überlieferung von den Vorstellungen eines Volkes über die Entstehung der Welt, über die Götter und Dämonen. Mythen erzählen aber auch von Begebenheiten oder Personen von weltgeschichtlicher Bedeutung.

Platon z.B. verfasste mit Timaios einen Mythos von der Entstehung der Welt (Kosmogonie), von dem wesentliche Aspekte bis ins Christentum erhalten geblieben sind (etwa die Unsterblichkeit der Seele).  

 

Ernst Cassirer charakterisiert später den Mythos als „Denkform“ mit folgenden Merkmalen: in Mythen wird nicht zwischen den verschiedenen Realitätsstufen (Immanenz/ Transzendenz) unterschieden. Der Unterschied zwischen Vorstellung und Wirklichkeit, zwischen Traum- und Wacherlebnis verschwindet. Es existiert keine scharfe Trennung zwischen der Sphäre des Lebens und der des Todes. Nach Cassirers „Philosophie der symbolischen Formen“ sind Mythos und Religion zwei Denkarten des Menschen, Kunst und Sprache zwei weitere. Sie sind Bestandteile eines Symbolnetzes, das sich der Mensch selbst geschaffen hat. „Zwischen dem Merknetz und dem Wirknetz, die uns bei allen Tierarten begegnen, finden wir beim Menschen ein drittes Verbindungsglied, das wir als ‚Symbolnetz‘ bezeichnen.“  (Ernst Cassirer, 1990) (Das Internet ist, meiner Meinung nach, eine neue Denkform, ein neuer Bestandteil dieses Symbolnetzes.)

 

Doch zurück zu den Mythen: Die Mythen verschiedener Kulturkreise zeigen einige deutliche Übereinstimmungen in ihren Grundelementen. Grundelemente (Mythologeme) sind typisch menschliche Möglichkeiten und Schwierigkeiten, die durch die Entwicklung der Kulturen in einer leicht veränderten Form immer wieder neu anzutreffen sind. Solche Mythologeme sind z.B. die Sintflut, der Brudermord, der Verrat, der Inzest, aber auch das göttliche Kind.

 

Mythos und Religion sind schwer zu unterscheiden. Die Grenze zwischen beiden ist fließend. Durkheim definiert Religion als "solidarisches System von Überzeugungen und Praktiken, die sich auf heilige Überzeugungen und Praktiken beziehen, die in einer moralischen Gemeinschaft … alle Personen vereint, die ihr angehören". (Émile Durckheim, 2008)

 

Der Kern jeder Religion ist also zunächst das Heilige, das Transzendente. Ein weiteres wichtiges Element ist die Auseinandersetzung des Menschen mit dieser Macht. Dies haben Religion und Mythos gemein. Doch schaut man etwas genauer hin, sind diese Auseinandersetzungen sowohl im Mythos als auch in der Religion oft gewalttätig. Die Ursache dafür liegt im Menschen selbst.

 

Menschliche Gesellschaften geraten regelmäßig in Krisen. Die Ursache dafür sieht René Girard in der Mimesis, in der Lust des Menschen, andere nachzuahmen. Da nicht alle Menschen alles haben können, kommt es regelmäßig zur Krise- zur mimetischen Krise, die mit einer Zunahme der Gewalt einhergeht. Dies würde eigentlich letztendlich den Untergang der Menschheit bedeuten. Die Gewaltkrise muss deshalb beendet werden. Zu diesem Zweck, wird, so René Girard, ein Sündenbock gesucht. „Alle Mitglieder der rivalisierenden Gesellschaft wenden sich gegen einen einzelnen, der für die Entstehung der Gewaltkrise verantwortlich gemacht wird. Wenn sie gemeinsam diesen einen töten, finden sie sich plötzlich in einer wundersamen Eintracht wieder und haben keinen Feind mehr. Sie sind durch das Opfer versöhnt.“ (René Girard, 1994)

 

In Mythen, so René Girard, ist Gewalt noch heilig, wird Gewalt aus der Täterperspektive betrachtet- die Opferung eines Sündenbockes ist notwendig, um die mimetische Krise zu beenden. 

 

Doch Religionen decken schließlich diese kollektive Lüge auf. Religionen berichten nunmehr über die Gewalt aus der Opferperspektive: Gewalt wird geächtet, der Sündenbock wird als Opfer dargestellt oder er wird sogar heilig gesprochen.

 

Dieser kleine Unterschied ist ein großer Schritt in Richtung Zivilisation...

Der Missbrauch von Religionen und neue Mythen, sind dagegen große Schritte zurück…

 

 

 

 

 

 

© Martina Reinicke

 

 

 

 

 

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Quellen:

Rene Girard: Das Heilige und die Gewalt, Fischer Verlag, 1994

Rene Girard: Das Ende der Gewalt, Herder Verlag, 2009              

Ernst Cassirer: Versuch über den Menschen. Einführung in eine Philosophie der Kultur, Felix Meiner, 1990

Émile Durkheim: Die elementaren Formen des religiösen Lebens. Frankfurt/Main, 2007

 

       

            

 

             

 

Februar 2017

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